33: Arogno – Porto Ceresio – Mendrisio – Valle di Muggio – Chiasso

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Lesezeit: ca. 10 Minuten

Die letzte Etappe meiner kleinen Tessin-Durchquerung führt mich in die abgelegenen Täler des Mendrisiotto, wo sich die Postautos auf engen und gewundenen Strassen durch dichte Kastanienwälder zu sehenswerten Dörfchen kämpfen.

33: Arogno – Porto Ceresio – Mendrisio – Valle di Muggio – Chiasso

 

 

Fahrt-Logbuch:

Linie Von Nach Bus BJ Halter Zeit KM
541 Maroggia-Melano, Stazione Arogno, Paese MAN/Göppel 14.290HOCL / A66 2009 Merzaghi, Maroggia 0:24 8,2
541 Arogno, Paese Rovio, Paese MAN/Göppel 14.290HOCL / A66 2009 Merzaghi, Maroggia 0:11 4,4
541 Rovio, Paese Capolago, Stazione Neoplan N312K Transliner 2004 Merzaghi, Maroggia 0:32 8,4
532 Capolago, Stazione Porto Ceresio, Stazione Neoplan N312K Transliner 2004 Merzaghi, Maroggia 0:23 11,0
532 Porto Ceresio, Stazione Riva San Vitale, Piazza Neoplan N312K Transliner 2004 Merzaghi, Maroggia 0:15 10,1
531 Riva San Vitale, Battistero Mendrisio, Stazione Scania/Hess K320UB 10,9m 2013 AutoPostale del Mendrisiotto, Mendrisio 0:13 4,8
513 Mendrisio, Stazione Castel San Pietro, Posta Scania/Hess K320UB 10,1m 2010 AutoPostale del Mendrisiotto, Mendrisio 0:08 3,2
521 Castel San Pietro, Posta Muggio, Paese Fiat Ducato 18 2.8JDT 2002 AutoPostale Valle di Muggio, Balerna 0:22 8,0
516 Muggio, Pese Scudellate, Paese Fiat Ducato 18 2.8JDT 2002 AutoPostale Valle di Muggio, Balerna 0:15 4,9
516 Roncapiano, Paese Muggio, Paese Fiat Ducato 18 2.8JDT 2002 AutoPostale Valle di Muggio, Balerna 0:19 6,1
515 Muggio, Paese Morbio Superiore, Posta Scania/Hess K320UB 10,9m 2015 AutoPostale Valle di Muggio, Balerna 0:19 8,3
513 Morbio Superiore, Posta Chiasso, Via Volta Unbekannt AMSA, Mendrisio 0:11 2,9

 

English Summary:

English Translation - click to view

Today’s routing may look like a pretty chaotic jumble of lines and dots on the map above but it actually follows one major purpose: Taking me to the southernmost PostBus stop in Switzerland in the city of Chiasso – of course, as always, with as many lovely detours as I’m able to squeeze into it.

This already shows right at the beginning where I quickly break out of my itinerary to whizz up a side valley to the pretty towns of Rovio and Arogno. From there, a single bus takes me not only back down to Lake Lugano but also further south and then on another detour, westwards way into Italian territory to the appealing lakeside town of Porto Ceresio.

Retracing my steps back into Switzerland I again make some southbound progress when reaching the city of Mendrisio. From here, there are direct busses to Chiasso – which, as you may know by now, is way too boring when there are still other alternatives around. I therefore embark on one last adventure and let a couple of yellow busses take me far into the pristine Muggio Valley. Here, countless hairpin bends lead the way to small hilltop towns with narrow main streets and expansive views. A very scenic place that also holds in store a whole lot of driving fun. The route’s terminus is eventually reached in the cute little hamlet of Roncapiano, resting high up on the slopes of Monte Generoso like an eagle’s nest.

From there I ultimately fix my gaze on Chiasso now, while a few last PostBusses take me back down from almost 1’000 meters of altitude to a mere 230. However, thanks to roadworks and a severe thunderstorm this last bit of my side tour turns into a pretty lengthy endeavor and I only reach Chiasso way after nightfall in the pouring rain. Still, my mission has been accomplished (yay!) and the next episode will continue with the main goal of my travel: Circumnavigating Switzerland.

 

 

 

Nachdem ich in der letzten Episode den palmen- und villengesäumten Lago di Lugano umrundete, war ich nach einer kurzen Wanderung am Bahnhof Maroggia-Melano stehengeblieben. Dort wartet bereits das nächste Postauto auf mich: ein knuffiger MAN/Göppel-Midibus. Der Bahnhof Maroggia liegt in der Mitte seiner Route. Und so folge ich ihm, statt direkt nach Capolago zu reisen wo ich eigentlich hinmüsste, erst noch in die andere Richtung: nach Arogno, immerhin eine stattliche Bergstrecke.
Die hält denn durchaus auch was sie verspricht. In einem steilen Profil führen uns die engen Serpentinen himmelwärts und bieten uns bald eine formidable Aussicht über das südliche Becken des Luganersees. Kaum sind diese Eindrücke verarbeitet, passieren wir das Dörfchen Rovio mit seinem markanten Kirchturm und arbeiten uns dann dem Seitental Val Mara entlang nach hinten vor, zu unserem Ziel Arogno.

 

Auf einer gewundenen Strasse geht’s in die Höhe…

 

So sieht das von aussen aus 🙂

 

Der Fahrer ist gut aufgelegt und scherzt mit jedem Passanten, den er am Wegesrand trifft – offensichtlich also ein Einheimischer, der hier den Busbetrieb schmeisst. Das verwundert nicht, denn Postautohalter Merzaghi, welcher im Jahr 1925 das erste motorisierte Postauto ins Tal gebracht hat und seither für die Linie verantwortlich ist, betreibt auch eines der grössten Hotels im Ort und ist demnach wohl weitherum bekannt. Zuhause warte auch schon seine Frau mit dem Zmittag, meint mein Chauffeur zum nächsten Passanten, und drückt mit besonderer Wonne aufs Gaspedal.

So erreichen wir Arogno etwas vor Plan, und mir bleiben gut vierzig Minuten, um mich im Bergdorf etwas umzusehen. Arogno war neben einem Zentrum für Ackerbau und Viehzucht auch die Heimat vieler Architekten, Maler und Stuckateure, die nicht nur in der Ferne wirkten, sondern sich netterweise auch immer wieder in ihrem Heimatdorf austobten. Diese ansprechende Architektur, die engen Gässchen, die leicht patinierten Häuser, der abblätternde Putz und das Fehlen jeglicher anderer Touristen schaffen eine einzigartige Kombination, die mir ziemlich gefällt. Arogno als Juwel zu bezeichnen wäre zwar wohl etwas vermessen, und würde auch dem Charakter des Örtchens nicht gerecht. Ein Rohdiamäntchen ist es aber allemal!

 

Dorfrundgang durch Arogno…

 

Besonders chic: Die Piazza Adamo…
…mit der reich verzierten Casa Cometta

 

Das ansprechend gelegene Arogno in der Übersicht

 

Schon macht sich der MAN-Bus wieder auf den Weg, um mich abzuholen…
…und mich wenig später beim Kirchturm von Rovio abzuladen, wo zufällig der Gegenkurs wartet.

 

Schon ist es Zeit, der MAN-Midibus gabelt mich wieder auf – mit anderem Chauffeur, offensichtlich ist der Zmittag hier eine längere Angelegenheit. Wir fahren wieder talwärts, doch ich steige kurz darauf im Örtchen Rovio wieder aus, um mich auch dort noch umzuschauen. Rovio bietet in etwa mehr vom Gleichen und ist ebenfalls nicht zu verachten. Mit dem übernächsten Bus – einem alten Neoplan, juhuii! – geht es dann aber endgültig wieder auf See-Höhe hinab, und dann meinem Zwischenziel entgegen: Dem Bahnhof Capolago (“Ende des Sees”).

 

Rovio in der Übersicht

 

 

In den Strässchen von Rovio unterwegs…

 

Hier kommt mein Hippo für die Talfahrt zurück an den Lago di Lugano!

Damit habe ich also die Region des Luganersees hinter mir gelassen; auf meiner Reise zur südlichsten Postauto-Haltestelle der Schweiz fehlt mir demnach nur noch eine Region: das Mendrisiotto. Doch der nächste Bus in Richtung Mendrisio fährt erst in einer Stunde, und so nutze ich die Gelegenheit, um doch noch eine Zugabe an See-Fahrten einzubauen. Mein Neoplan, der seine Route weit hinten im Val Mara gestartet hat, ist nämlich durchgebunden und befährt auch gleich noch den Kurs 523 dem Südufer des Lago di Lugano entlang ins italienische Städtchen Porto Ceresio. Vom verschlafenen Bergdorf an den mondänen See, und dann über die Grenze nach Bella Italia – und das alles im selben Bus. So macht’s Spass!

 

Dem Lago di Lugano entlang in Richtung Porto Ceresio

 

Blick über den See: Das bereits besuchte Morcote in seiner ganzen Pracht

 

 

Spass ist auch das Stichwort für die Fahrt. Das Südufer des Sees ist merklich weniger verbaut und so komme ich in den Genuss diverser schöner Seepanoramen. Am gegenüberliegenden Ufer präsentiert sich zudem, einem Model auf dem Catwalk gleich, das am Morgen durchquerte Morcote. Und erst aus der Distanz wird das ganze Ausmass dieser terrassierten Perle sichtbar!

Auch Porto Ceresio ist dann ganz nett, und bezirzt mit einer schönen Fussgängerzone am Wasser. Schade nur, dass mein Postauto schon in 10 Minuten wieder zurückfährt – so reicht es nicht für das herbeigesehnte Fussbad im See, ja nicht einmal ein Gelato kann ich mir gönnen.

 

Willkommen in Bella Italia, wo alles etwas bunter…
…oder reicher verziert ist

 

Porto Ceresio mit seiner Lage am See ist durchaus einen kurzen Besuch wert!

 

Doch doch, hier gefällts!

 

Am Bahnhof von Porto Ceresio wartet mein Berg-Postauto direkt hinter seinem italienischen Kumpanen

 

Statt einem Gelato in Italien geht’s also flugs zurück in die Schweiz, mit Kurs 532 in Richtung Capolago. Ich entsteige dem Neoplan jedoch bereits ein Dörfchen vorher, in Riva San Vitale, da mich seine wuchtige Spätrenaissance-Kirche Santa Croce aus dem 16. Jahrhundert anzieht. Wenig später mache ich dann wieder mit der eigentlichen Reise vorwärts: Ein Hess K320UB bringt mich in zehn unspektakulären Fahrminuten nach Mendrisio. Die einzige Aufregung hatte wohl der Chauffeur selbst, der mich aufgrund meiner Fotografiererei doch glatt für einen internen Kontrolleur hielt und sich hinter dem Steuer zusehends verspannte, bis ich ihn schliesslich aufklärte und erlöste.

 

Die eindrückliche Kirche von Riva, mit dem nächsten Postauto-Kurs aus Arogno
Für mich geht’s allerdings mit dem hier weiter, einem Hess-Bergbus auf Fahrt durch die Ebene

 

Zwischenziel erreicht, Mendrisio mit seiner gut sichtbaren Chiesa dei Santi Cosma e Damiano liegt mir zu Füssen

 

In Mendrisio sammle ich kurz vom kleinen Kapellenhügel das übliche Postkarten-Motiv ein, dann ruft schon das nächste Postauto: ein mit Chiasso beschrifteter weiterer Hess-Bergbus gabelt mich auf. Schon Chiasso? Neee, so leicht mache ich es mir (und euch) nicht! Der Bergbus soll mich nur ins nächste Dorf bringen, Castel San Pietro. Denn dort wartet das letzte Abenteuer dieser Runde!
Jenes Abenteuer startet bereits verheissungsvoll: Auf dem Dorfplatz von Castel San Pietro wartet nämlich ein kleiner flinker, aber nicht mehr ganz taufrischer 2002er Minibus der Marke Fiat Ducato auf mich. Das riecht immer nach Action, und nach engen Strässchen, auf denen die grossen Busse nix zu suchen haben. Und das sollte sich auch hier bewahrheiten!

Der Chauffeur vom Typ Sunnyboy, komplett mit Dreitagebart und Pilotenbrille (fehlt nur noch das Surfbrett unterm Arm) schwingt sich machohaft-lässig hinters Steuer seiner Carrozza, und so startet unsere Fahrt. Sofort stechen wir steil in die Höhe, während das Strässchen, auf dem wir uns befinden, immer enger und enger wird, bis es kaum mehr als ein geteerter Wanderweg ist. Ja, da habe ich definitiv die richtige Route ausgesucht!

 

Auf engen Strässchen pirschen wir uns voran…

 

Willkommen im Valle di Muggio

 

Sie führt auf verschlungenen Pfaden ins Valle Muggio hinein, ein äusserst spärlich besiedeltes Seitental. Zudem verläuft unsere Route auf der wenig beachteten Westseite des Tals. So zeigen sich die grösseren Ortschaften auf der östlichen Talseite im besten Abendlicht wie auf dem Präsentierteller, während auf unserer Seite ein paar enge Ortsdurchfahrten den Puls des Fahrers sowie auch meine Mundwinkel in die Höhe schnellen lassen. Schade nur, dass sich all dies fast nicht fotografisch festhalten lässt. Die Sicht nach vorne tendiert für Passagiere im Fiat nämlich gegen null, und die Ausblicke auf die Seite werden von einem fast ununterbrochenen Blätterdach getrübt. Wenn ich also doch mal was Gescheites auf ein Foto kriege, sind das höchstens Glückstreffer. Doch man muss ja auch nicht immer alles festhalten, sondern kann es einfach so geniessen. Für die Route, die uns durch die Weiler Monte und Casima führt, definitiv die richtige Strategie!

 

Die Hauptstrasse des Dörfchens Casima. Ob das Postauto hier durchpasst?
Showdown!

 

Es passt!

 

Wenn die Strasse gerade nicht enge Dorfkerne durchquert, führt sie meist durch den dichten Kastanienwald

 

Ausblicke ins Tal, wie hier auf die Ortschaft Caneggio, sind dagegen rar.

 

Nach 20-minütigem Zickzack rund um die Topographie der westlichen Talseite vereinigt sich unsere Strasse bei Muggio mit der besser ausgebauten Hauptstrasse der Ostseite, und die Postautos beider Seiten treffen sich sekundengenau auf dem Garagenvorplatz des lokalen Busbetreibers im Örtchen Muggio. Dieses wird schon seit dem Jahr 1914 vom Postauto bedient, gemäss einer Lokalzeitung sei es die fünftälteste Postautostrecke im Kanton. Diese geht auf die Initiative eines gewissen Staatsraats Bossi zurück, der im Jahr 1912 die Talbevölkerung zusammentrommelte um Geld für einen Postautoservice aufzutreiben. Bossi war offenbar sehr überzeugend, denn er konnte 800 Aktien à 50 Franken unter die Bevölkerung bringen, was es ihm erlaubte, zwei Fahrzeuge zu finanzieren.

 

Blick auf die Dörfchen Muggio (mit gut sichtbarer Kirche) und Cabbio

Im Juli 1914 konnte schliesslich die erste Fahrt stattfinden, was mit einem riesigen Fest gefeiert wurde. Zu diesem Anlass unternahm das zehnplätzige Postauto sogleich eine Rundfahrt, um die Schar geladener Gäste einmal hoch nach Muggio und dann wieder zurück ins Tal zu bringen, wo bereits das Bankett wartete. Blöderweise kippte das fragile Wägelchen jedoch schon bei seiner Jungfernfahrt auf der anspruchsvollen Strecke um, mit dem Resultat, dass Staatsrat Bossi und der Rest der Lokalprominenz unter dem Postauto eingeklemmt wurden und der Chauffeur in hohem Bogen die Böschung hinabgeschleudert wurde, wo ein Busch seinen Fall glücklicherweise stoppte. Netterweise konnten die Einheimischen das gekippte Postauto rasch wieder aufrichten, und so trudelte die hohe Gesellschaft etwas verspätet, einigermassen bleich und mit einigen Kratzern gezeichnet, doch noch am Bankett ein.

 

In Muggio, am Fusse der Kirche. Am Hang im Hintergrund sind die zwei Ziele meiner Fahrt erkennbar: Scudellate und Roncapiano an der Flanke des Monte Generoso

Solche Erlebnisse blieben mir dankenswerterweise erspart, und so kann ich das Valle Muggio noch etwas weiter entdecken – ja es geht sogar erst richtig los! Mittlerweile führt die Strecke nämlich vom Örtchen Muggio sogar noch weiter ins Tal hinein, mein Fiat wird zu den zwei 300 Meter erhöht gelegenen Örtchen namens Scudellate und Roncapiano hochgepeitscht, welche sich zwei Adlerhorsten gleich an die Südflanke des Monte Generoso schmiegen. Die 20-minütige Fahrt dorthin ist wiederum ein Erlebnis für sich! Die Strasse ist weiterhin eng und verschlungen, Zivilisation ansonsten quasi inexistent. Dafür arbeitet der Fahrer für zehn, denn die Spitzkehren sind teilweise so eng, dass er sie selbst mit dem agilen Fiat-Büsschen manchmal nur mit Zurücksetzen bewältigen kann.

 

Auf geht’s, weiter in die Höhe!
Die Strasse ist nicht breit, aber in recht gutem Zustand

 

Ankunft im Dörfchen Scudellate; natürlich nicht ohne eine letzte Haarnadel!

 

Doch die Plackerei lohnt sich: Als wir in Scudellate eintreffen, erscheint mir das Bergdörfchen wie von einem anderen Stern. Inmitten der dichten, ja undurchdringbar scheinenden Kastanienwälder präsentiert sich dieses charakterstarke Örtchen fast schon als surreal schöne Erscheinung. Zusätzlich wird es auch noch perfekt von der tiefstehenden Abendsonne angeleuchtet, was das Bild vervollkommnet. Der Alltagsstress scheint weit, weit weg und hinter 1001 Kastanienbäumen verschwunden, während ich die Ruhe und die Erhabenheit der hiesigen Landschaft geniesse. Ein Traum!

 

Scudellate in seiner ganzen Pracht

Als Krönung wandere ich von Scudellate noch 20 Minuten weiter bergaufwärts, in den elf Einwohner zählenden Weiler Roncopiano auf 978 Metern über Meer. In der Feriensaison wird dieser nämlich vom ersten und letzten Postauto des Tages auch bedient, und diese sechs Minuten zusätzlichen Fahrspasses kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen!

Als mich der Fiat um Punkt 18:36 Uhr in Roncopiano abholen kommt und die beschwerliche Talfahrt startet, wehre ich mich fast mit Händen und Füssen, um diesen einzigartigen Ort nicht verlassen zu müssen. Doch so fies es auch ist, das Postauto schleppt mich Haarnadel um Haarnadel behäbig zurück in Richtung Zivilisation.

 

Schon von weither ist der kleine Fiat-Minibus sichtbar, als er mich abholen kommt

 

Schliesslich erreicht er Roncapiano; Scudellate im Hintergrund

 

Zeit, dem entlegenen Adlerhorst Adieu zu sagen…

 

Immerhin übernimmt in Muggio ein Midibus, was mir wieder eine schön breite Frontscheibe zum Fotografieren gewährt. Doch leider ist der mit diesem Bus betraute Chauffeur ganz offensichtlich weder gut drauf, noch besonders geduldig. Gestresst und angepisst peitscht er seinen Hess-Bus über die holpernden Strassen, was eine nicht enden wollende Kakophonie an Gieren und Krächzen der verschiedenen Bus-Teile auslöst. Das alles scheint er aber nicht zu hören; er scheint seine einzige Wonne daraus zu ziehen, wenn eine besonders starke Bodenwelle seinen massiv überdimensionierten Ranzen in Schwingung versetzt. Diese ertastet er dann jeweils mit seiner rechten Hand und quittiert sie, sofern im richtigen Hertz-Spektrum angeordnet, mit einem zufriedenen Glucksen. Aber naja, wir haben ja alle unsere Ticks.

 

In Morbio Superiore, mit dem letzten Bus des Tages, der ins Tal hinein nach Muggio fährt

 

Naja, vielleicht hätte ich mich nicht so über den adipositösen Chauffeur lustig machen sollen, denn kurz nachdem er mich am Taleingang in Morbio Superiore auslädt, revanchiert sich das Karma und das Unglück nimmt seinen Lauf. Eigentlich wäre die Aufgabe ganz einfach; hier auf den halbstündlich vorbeifahrenden Bus nach Chiasso hüpfen und mich somit an mein südliches Ziel tragen lassen. Doch leider wird in den Dörfern der Region massig gebaut, Umleitung reiht sich an Umleitung, ich werde an jeder von mir angepeilten Haltestelle von Infotafeln über verschobene Haltepunkte aufgeklärt und irgendwo anders hingeschickt. Schliesslich meine ich zwar, dass ich richtig stehe. Doch offenbar ist Bus 513 nach Chiasso anderer Meinung, denn er braust 50 Meter oberhalb von mir einfach an mir vorbei. Verflucht!

 

Blick hinab in die Ebene, auf das Dörfchen Balerna mit seiner prominenten Kirche, während sich dahinter das Gewitter anschleicht.

Mittlerweile ist auch schon später Abend, und die Busse fahren nur noch stündlich. Nach dem ermüdend langen Tag wäre ich zwar gut ohne diese Stunde Extra-Wartezeit ausgekommen, doch so kurz vor dem Ziel gebe ich sicher nicht auf. Ich will mit dem Postauto nach Chiasso, koste es, was es wolle! Um die 60 Minuten Wartezeit auf den nächsten Kurs zu überbrücken beschliesse ich, bereits mal zum nächsten Dorf zu wandern. An sich eine gute Idee, denn so kann ich mir auch Zeit nehmen, um das sich auftuende Panorama über die Region Mendrisio-Chiasso zu geniessen – das erste Mal seit dem Entern des Wallis, dass ich wieder Flachland sehe; das Blickfeld prägen nur noch ein paar sanfte Hügel, die in der Distanz immer kleiner werden und schliesslich Comersee und Po-Ebene Platz machen. Doch das Blickfeld prägt vor allem auch ein grosses Sommergewitter. Als es sich über mir zusammenbraut und schon angriffslustig mit Blitzen zu zucken beginnt, beschleunige ich meine Schritte immer mehr und hetze meine müden Beine dem nächsten Dorf entgegen. Vacallo heisst es glaub, aber das ist eigentlich egal. Hauptsache was zum Unterstehen.

 

Langsam kommt das Gewitter bedrohlich nahe…

 

Immerhin pokere ich richtig, und genau in dem Moment, als ich unter dem Vordach des Jugendclubs Unterschlupf gefunden habe, öffnet der Himmel seine Schleusen. Mein einigermassen trockenes Plätzchen verlasse ich erst, als ich im strömenden Regen die Scheinwerfer des herannahenden Postautos durch die mittlerweile hereingebrochene Dunkelheit stochern sehe. Sofort sprinte ich auf den rettenden Bus mit der Nummer 513 zu und hinein in die trockene Kabine. Dabei bemerke ich gar nicht, dass mir Postauto zum Abschied noch eins ausgewischt hat: Auf diesem spätabendlichen Kurs haben sie offenbar einen Bus der Verkehrsbetriebe Mendrisio durch den Regen geschickt. Und so erreiche ich hundemüde, durchnässt, aber leider nicht hundertprozentig stilecht die südlichste Postauto-Haltestelle der Schweiz: die Via Volta in Chiasso. Die Kamera klaube ich allerdings erst wieder hervor, als ich im teuflisch klimatisierten, aber immerhin trockenen Bahnhofsgebäude von Chiasso stehe. Mission erfüllt, wenn auch nicht mit perfekten Haltungsnoten.

Das Tessin ist damit also bis zu seinem südlichsten per Postauto erreichbaren Punkt durchquert. In der nächsten Episode geht es daher wieder von Bellinzona aus weiter, nordwärts in Richtung Graubünden und Rest der Schweiz.

 

Tschüss, Autopostali!
Zwischenziel erreicht: Die Bahnhofshalle von Chiasso muss (weil regengeschützt) als Sinnbild herhalten 🙂

 

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4 Responses

  1. vbzfan
    | Reply

    Wieder einmal super Bilder wie Text! Was war es denn bei der Fahrt mit dem “Nicht” Postauto für ein Typ?

    • Tis
      | Reply

      Merci vielmal, das freut mich! Leider habe ich den Typ wirklich nicht mehr im Kopf, da ich im strömenden Gewitterregen darauf zugesprintet bin – nichts spezielles jedenfalls 🙂

  2. Yves
    | Reply

    schön geht es hier weiter, ich schaue sicher 1-2x pro Woche rein und bin gespannt auf die Fortsetzung. Es macht Spass, danke!

    • Tis
      | Reply

      Vielen lieben Dank, das freut mich sehr!

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