11: Lausanne – Palézieux – Montreux – Villeneuve

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Die heutige Route führt mich mit einigen Umwegen von Lausanne ans östliche Ende des Genfersees. Entführen mich die Postautos zuerst noch ins Hinterland, kann ich im zweiten Teil der Etappe die verzaubernde Szenerie der Lavaux-Region am See geniessen, während ich durch Weinberge und der Uferpromenade entlang via Vevey und Montreux nach Villeneuve wandere.

11: Lausanne – Palézieux – Montreux – Villeneuve

 

Fahrt-Logbuch:

Linie Von Nach Bus BJ Halter Zeit KM
75 Lausanne, Valmont Servion, Poste MAN NG363 / A40 Lion’s City GL 2014 Faucherre, Moudon 0:26 15,7
85 Servion, Poste Palézieux, Gare Volvo 8700LE 2005 Faucherre, Moudon 0:22 10,0
381 Palézieux, Gare Cully, Gare Renault Master T35 dCi150 (NF) 2008 Faucherre, Moudon 0:35 20,0
382 Cully, Gare Chexbres Village, Gare Mercedes-Benz O818D Vario 2008 Faucherre, Moudon 0:14 5,3
Chexbres Village, Gare Villeneuve, Gare Zu Fuss 4:02 19,5

 

English Summary:

English Translation - click to view

Making my way east from Lausanne along the shores of Lake Geneva is proving to be a pretty demanding task. This has been a stronghold of the railway for way over a century, leaving only a few breadcrumbs for the PostBusses to pick. Accordingly, the itinerary I have to come up with in order to travel exclusively by PostBus is quite adventurous, as for a meagre progress of 14km along the lake a 40km detour through the hinterland is required, using bus services that run as few as twice a day. However, when I finally re-join the lakeshore at the town of Cully I suddenly succumb to its charms: The Lavaux region is a UNESCO world heritage site known for its rolling hills covered with vineyards, contrasting nicely with the deep blue waters of Lake Geneva below.

I have more than enough time to savour the beauty of this region, because after reaching the eastern end of the PostBus coverage zone in Chexbres I’m once again left with plenty of footwork ahead of me. The resulting 20km hike east is a huge pleasure though: Making my way through the vineyards and along lush and leafy lakeside paths, I pass the city of Vevey (known for being the home of Nestlé), the noble tourist destination Montreux with its palace-like hotels as well as the historic fortress of Chillon.

 

 

Mit dem Erreichen von Lausanne steht nun das nächste Projekt an: mich dem Genfersee entlang nach Osten zu hangeln, um schliesslich ins Wallis zu gelangen. Doch das ist gar nicht so einfach. Zum einen ist der Grossteil des östlichen Genfersees Postauto-freie Zone, weil bereits seit den 1860er-Jahren die Eisenbahn dieses Terrain erfolgreich beackert und die wichtigen Zentren miteinander verbindet. Dass da für die gelben Busse nur noch ein paar Brosamen übrig bleiben bedeutet auch, dass die wenigen vorhandenen Routen ziemlich abenteuerlich in der Landschaft liegen und nur mit viel Mühe in mein Vorhaben zu integrieren sind: Um mich von Lausanne aus 14 Kilometer entlang des Sees vorzuarbeiten, ist ein riesiger Umweg übers Hinterland nötig – dreimaliges Umsteigen und ein Total von über 40 Kilometern sind dafür zu absolvieren. Und danach hilft dann alles tollkühne Konstruieren nichts mehr, Postauto-Linien fehlen gänzlich und Wanderarbeit ist angesagt. Aber immerhin in einem sehr sehenswerten Gebiet.

Packen wir es also an! Von Lausannes Metro-Station Sallaz fährt – alternierend mit Bussen der Lausanner Verkehrsbetriebe – die Postauto-Linie 75 im Stundentakt in die nördliche Agglomeration.

 

Der MAN Lion's City im Stadtgebiet von Lausanne - doch nun geht's damit wieder aufs Land!
Der MAN Lion’s City im Stadtgebiet von Lausanne – doch nun geht’s damit wieder aufs Land!

 

Die Chauffeuse (sofern ich richtig aufgepasst habe, meine zweite bisher) führt den Bus mit eiserner Hand und entsprechend zackig ins Hochland hinter Lausanne. Vielleicht liegt das ja daran, dass die 1899 gegründete Firma Faucherre, welche die nächsten drei Busse betreibt, eigentlich ein recht grosser Player im Lastwagen-Markt ist und mit dem Betrieb der Kehrichtabfuhr gross geworden ist – da gelten gewiss etwas rauhere Sitten, immerhin motzt die verdorbene Fracht ja nicht über den Fahrstil. Postautos betreibt Faucherre hingegen erst seit dem Jahr 2011.

Immerhin, dank der sportlichen Fahrweise sind wir rasch wieder aus Lausannes Stadtgebiet entflohen und bald tut sich ein wunderschönes Panorama der Waadtländer und Walliser Alpen auf – na so mag ich’s! Nach zwanzig Minuten erreichen wir das Dorf Servion – die Postauto-App findet, ich müsse hier auf den nächsten Bus umsteigen. Leider veranschlagt sie dafür auch eine Wartezeit von 50 Minuten, was mich doch etwas erschüttert. Servion ist nun wirklich ein Weiler, in dem es nichts zu sehen gibt – was mache ich hier bloss? Eine knappe Stunde faul in der Sonne liegen, was auch mal gut tun würde?

 

Prächtige Aussicht!
Prächtige Aussicht!
Unterwegs von Lausanne nach Servion
Unterwegs von Lausanne nach Servion

 

Zu früh gefreut! Eine Google-Suche ergibt rasch, dass Servion den grössten Zoo der Westschweiz beheimatet. Glücklicherweise merke ich dies gerade noch, bevor die Haltestelle Zoo in Sicht kommt, und zack bin ich draussen. 30 Minuten Zoo-Besuch, 15 Minuten Marsch ins Dorfzentrum, um das nächste Postauto zu erwischen, 5 Minuten Reserve – passt!
Im Zoo klappt alles wie am Schnürchen. Die grössten Attraktionen, die sibirischen Tiger und die Grizzlybären sind beide unerwartet aktiv, und können so perfekt in Aktion abgelichtet werden. Flugs geht’s noch rüber in den Partnerbetrieb “Tropiquarium”, wo ich den Pinguinen bei der Unterwasser-Jagd zusehen kann. Gewiss, irgendwie sind die Käfige etwas eng und lieblos eingerichtet (Zürichs Zoo habe ich da besser in Erinnerung, aber ich war auch schon etwa zwei Jahrzehnte lang nicht mehr dort und der Eindruck ist vielleicht der idealisierenden Vorstellung meines damaligen Kinderhirns geschuldet) – aber als interessanter Zeitvertrieb auf der Durchreise taugt der Servion Zoo allemal.

 

Der Sibirische Tiger - mit die Hauptattraktion des Zoos von Servion
Der Sibirische Tiger – mit die Hauptattraktion des Zoos von Servion

 

 

Mama Syrischer Braunbär, während ihr Junges sich unbedingt auch ins Bild drängen will :-)
Mama Syrischer Braunbär, während ihr Junges sich unbedingt auch ins Bild drängen will und dabei fast an einem Apfel erstickt 🙂

 

 

Die Brillenpinguine sind eine der Attraktionen des Tropiquariums
Die Brillenpinguine sind eine der Attraktionen des Tropiquariums
Neugierig beäugt mich die Bartagame
Neugierig beäugt mich die Bartagame
Fisch erwischt!
Fisch erwischt!

 

Als ich meinen Weg ins Dorfzentrum Servions hinter mich gebracht habe, erwartet mich dort schon das nächste Postauto: Ein stattlicher Volvo aus der Faucherre-Flotte hat die Ehre, mich nach Palézieux zu bringen. Auch diese Fahrt bietet mehr vom Gleichen: Hügelige Topografie mit stets guter Aussicht auf die Schneeberge und dazu als Schmankerl noch eine Extra-Runde in einen abgelegenen Weiler, welche uns auf eine derart schmale Strasse führt, dass ich mich wundere, wie das Postauto überhaupt darauf passt. Zu gerne hätte ich ja erlebt, was hier bei Gegenverkehr passiert, aber leider Gottes fand sich kein Automobilist mit genügend unglücklichem Timing, welcher diesen Kampf hätte aufnehmen wollen.

 

Der stattliche Volvo 8700LE zeigt Flagge in Servion, VD
Der stattliche Volvo 8700LE zeigt Flagge 🙂

 

Blick auf Oron, VD
Blick auf Oron, VD

 

 

In ländlicher Idylle unterwegs
In ländlicher Idylle auf schmalen Strässchen unterwegs

 

Pünktlich treffe ich an der Endstation am Bahnhof Palézieux ein – den Ort kannte ich bisher einzig von den Lautsprecherdurchsagen im Berner Hauptbahnhof, in welchen der Interregio nach Romont und Palézieux regelmässig den Umsteigern angeboten wird. Auch hier habe ich eine gute halbe Stunde rumzukriegen und Zoo gibt es natürlich keinen. Hinweise auf sonstige grandios-schöne Sehenswürdigkeiten finden sich im Wikipedia-Eintrag ebenfalls nicht, ohnehin liegt der Bahnhof weit ausserhalb des Dorfes. So habe ich endlich alle Legitimation, mich auf ein Bänkchen zu setzen und ein paar Minuten lang die Sonne zu geniessen.

Bald schon sehe ich im Augenwinkel einen Postauto-Minibus um die Ecke huschen. Er bringt keine Passagiere mit sich, sondern kommt leer aus dem Depot. Aha, das muss also mein Kurs nach Cully sein. Dessen Betrieb ist eine Sache für sich, denn interessanterweise wird diese Direktverbindung an den Genfersee nur zweimal am Tag angeboten – um 7 Uhr morgens und um 17 Uhr abends (weshalb ich auch genau jetzt hier bin und zu keiner anderen Tageszeit). Das wird wohl irgendwas mit den Pendlerströmen zu tun haben – oder vielleicht auch mit dem Wein, für welchen der Zielort bekannt ist, wer weiss. Ob aus wirtschaftlicher Sicht, oder weil die Routen-Planer einen zuviel über den Durst getrunken haben, bleibe dahingestellt…

 

Der Minibus, der zweimal werktäglich von Palézieux nach Chexbres fährt
Der Minibus, der zweimal werktäglich von Palézieux nach Cully fährt

 

Jedenfalls bestätigt die Auslastung die Fahrt als vollen Erfolg: immerhin drei Passagiere begeben sich an Bord – blöd nur, dass sie schon zwei Haltestellen weiter wieder aussteigen. Für die restlichen 30 Minuten bin ich daher mit dem Fahrer allein, und während wir so über die Lande gondeln zeigt mir mein Privat-Chauffeur immer mal wieder Sehenswertes in der Nähe und Ferne. Ein schönes kleines Geschenk für meine 50. Postauto-Fahrt auf dieser Reise!

 

Die Intercity-Strecke nahe Palézieux, VD
Eine Zeitlang fährt der Minibus parallel zur Bahnstrecke Fribourg-Lausanne, auf welcher sich die Intercity-Züge in voller Pracht zeigen

 

Nicht zu zeigen braucht er mir den Genfersee, der plötzlich hinter einer Kuppe auftaucht und fortan fast das gesamte Blickfeld einnimmt. Wunderschön präsentiert er sich in der Abendsonne (ein weiterer Grund, diese Route am Abend zu absolvieren), flankiert von steilen Weinterrassen auf der einen, und noch steileren Bergflanken auf der anderen Seite. Ein Traum diese Route! Nur schade, dass sie kaum je befahren und von niemandem genutzt wird! Die letzten 10 Minuten schlängeln wir uns in zahlreichen Serpentinen bis nach Cully hinunter, an dessen Bahnhof die Fahrt bedauernswerterweise ihr Ende findet. Zu schade!

 

Der Genfersee, gesehen aus dem Postauto nach Chexbrex, VD
Der Genfersee ist erreicht und im Hintergrund lockt mein nächstes Ziel: Die Bergwelt des Wallis!

 

In den Weinbergen unterwegs
In den Weinbergen unterwegs

 

Aber zum Glück gibt es eine Zugabe: Von Cully fährt – wenigstens neunmal am Tag – ein weiterer Postauto-Minibus ganze drei Dörfer weiter in Richtung Osten. Wieso genau drei und nicht etwa vier oder fünf wissen die Götter. Naja, sei’s drum. Hier ist das Vehikel wenigstens voll, das Business lohnt sich also offenbar. Dass trotzdem nur ein Kleinbus eingesetzt wird, erklärt sich, wenn man das erste Weinbaudörfchen ansteuert: die Ortsdurchfahrten sind hier so eng, dass alles andere ziemlich schnell in einem Fiasko enden würde. Der eingesetzte Bus ist zwar klein, aber oho – ein richtiger Muskelprotz gar. Mit 180 PS stellt der klassisch-schöne Mercedes-Benz Vario die Artgenossen in seiner Klasse schweizweit fast alle in den Schatten. Diese Power braucht er aber auch, schliesslich pendelt er stets auf und ab durch die steilen Weinberge.

 

Mercedes-Benz O818D in den Rebbergen oberhalb Cully, VD
Hier kommt mein nächstes Postauto angerauscht! Dieser Mercedes-Benz O818D bringt mich gleich durch die Rebberge des Lavaux nach Chexbres, VD. Leider wurde der schöne Bus 2016 nach einem Motorenschaden ausrangiert – vielleicht wurden ihm die steilen Weinberge doch etwas zu viel?

 

Die enge Ortsdurchfahrt des Weinbau-Dörfchens Epesses
Die enge Ortsdurchfahrt des Weinbau-Dörfchens Epesses
Fahrt durch den malerischen Dorfkern von Epesses
Fahrt durch den etwas Klaustrophobie hervorrufenden Dorfkern von Epesses

 

So ist die Fahrt ein echter Genuss! Die malerischen Dörfchen Riex und Epesses sind das eine, unser kraftvoller Steigflug über die Weinterrassen das andere. Beim Ziel Chexbres befinden wir uns schliesslich ganze 250 Meter über Seehöhe und werden mit einem entsprechend phänomenalen Panoramablick belohnt.

 

Sehenswerter Aufstieg nach Chexbres
Sehenswerter Aufstieg nach Chexbres

 

Idyllische Fahrt durch die Weinterrassen des Lavaux, vorbei am Dörfchen Epesses

 

Zum Einsatz kommt mittlerweile ein kleiner Solaris Urbino

 

Die Weinterrassen in ihrer ganzen Pracht!

 

Den Panoramablick kann ich auch noch weiter geniessen, nachdem mich das Postauto in Chexbres ausgespuckt und den Rückweg angetreten hat: für mich geht’s von hier aus zu Fuss weiter, den Rest des Sees muss ich per pedes erledigen. Das ist aber für einmal zu verkraften, denn die erste Marsch-Etappe nach Vevey (6 km) knüpft nahtlos an die Postauto-Fahrten an: Auf schmalen Strässchen hoch über dem Genfersee schlendere ich ostwärts durch die zum Weltkulturerbe ernannten Weinberge des Lavaux, während sich die Sonne hinter mir langsam dem Horizont annähert und die gesamte Szenerie in ein wunderbar warmes Abendlicht taucht. Genau so, wie ich mir das bei der Planung vorgestellt habe!

 

Blick von Chexbres auf die Weinberge des Lavaux am Genfersee
Blick von Chexbres auf die Weinberge des Lavaux am Genfersee

 

Aussichtsreiche Wanderung nach Vevey
Aussichtsreiche Wanderung nach Vevey

 

Aussicht auf die Chablais-Kette am französischen Ufer des Genfersees
Aussicht auf die Chablais-Kette am französischen Ufer des Genfersees

 

Blick auf Vevey in der Ferne
Blick auf Vevey in der Ferne

 

Auch für die zweite Etappe weiter nach Montreux hält das Wetter noch einigermassen. Der Weg führt meist einer schön gepflegten und gut frequentierten Seepromenade entlang, welche prächtige Ausblicke bietet – nicht nur auf die französischen Berge auf der gegenüberliegenden Seeseite, sondern auch auf die Schweizer Gipfel im Wallis, die mit jedem Schritt ein wenig näher rücken. Erst als Montreux bereits in Sichtweite ist, brauen sich über dem See dunkle Wolken zusammen, und alsbald jagt mich ein aufziehendes Sommer-Gewitter die Zielgerade entlang. Just mit dem Einsetzen der ersten Regentropfen schaffe ich es gerade noch in die Stadt des Jazz-Festivals und der Nobelhotels – und setzte die Wanderung am nächsten Morgen fort.

 

Veveys Seepromenade
Veveys Seepromenade
Kunst im See bei Vevey VD - Heimat des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé
Für einmal Kunst, die mir gefällt! Vielleicht, weil sie mich ans Essen erinnert. Eng mit Esswaren verbunden ist auch Vevey, wurde hier doch im Jahr 1866 der Grundstein für den heute grössten Nahrungsmittelkonzern der Welt, Nestlé, gelegt. Bis heute sitzt Nestlé in Vevey

 

Montreux kommt in Sicht - heute hilft ihm selbst seine geschützte Lage nicht gegen das Gewitter :-)
Montreux kommt in Sicht – heute hilft ihm selbst seine geschützte Lage nicht gegen das Gewitter 🙂

 

Das Montreux Palace - seit 1906 ist es das führende Haus am Platz, und hat etliche Stars sowie wichtige Konferenzen beherbergt
Das Montreux Palace: Seit 1906 ist es das führende Haus am Platz und hat etliche Stars sowie wichtige Konferenzen beherbergt

 

 

Das Wetter hat sich über Nacht artig gebessert, nur noch einige Schleierwolken sind am Himmel zu sehen. Aufbruch also zum letzten Wanderdrittel, den 6 Kilometern nach Villeneuve. Hatte ich Montreux zuvor, vom Regen getrieben, noch wenig Aufmerksamkeit schenken können, habe ich nun Zeit und Musse, die ganze Szenerie auf mich wirken zu lassen. Die stark auf den Tourismus ausgerichtete Stadt (die drittgrösste des Kantons Waadt), die dank ihrer klimatisch einzigartig milden Lage seit jeher Europas Eliten anzieht und in zahlreichen Hotel-Palästen gehoben beherbergt, kooperiert brav und zeigt sich wie aus dem Ei gepellt.

 

An Montreux' Promenade geniesst man wundervolle Aussichten
An Montreux’ Promenade geniesst man wundervolle Aussichten
So lässt es sich leben :)
So lässt es sich leben 🙂

 

Bald kann ich von der Seepromenade aus über eine perfekt geschorene Hecke in den Garten Eden kiebitzen – das heisst, ins üppig gedeckte Terrassen-Restaurant des gleichnamigen Hotels, in welchem gerade das Frühstück kredenzt wird. Die in adretter Pinguin-Montur gekleideten Kellner schweben förmlich zwischen den Tischen hindurch, während sie den Gästen feinste Lachsbrötchen und edle Croissants reichen, sowie den Saft frisch gepresster Bio-Orangen ausschenken, die bestimmt aus einem von besonders intensiver Abendsonne verwöhnten andalusischen Bergdorf stammen müssen. Mein anderes Auge erspäht derweil auf dem Quai eine Russin, die mit völlig überschminktem Puppengesicht erhaben auf- und abstolziert, während sie offenbar auf die Ankunft ihrer Yacht wartet. Willkommen in der Welt der (vielleicht einst Schönen und) Reichen!

Aber auch für die armen Seelen, welche nicht hier zu residieren vermögen und bloss ein trockenes Dar-Vida knabbernd dem See entlang marschieren, wird etwas geboten: Die Ufer-Promenade ist wunderschön dicht mit subtropischem Gewächs bepflanzt (es gibt sinnlosere Verwendungszwecke für die üppigen Steuergelder…), und die im Schutz der zweitausend Meter hohen Berge im Rücken prächtig gedeihenden, vielfarbigen Blüten kontrastieren genial mit dem tiefblauen Wasser des Lac Léman und den schneebedeckten Gipfeln der Alpen im Hintergrund. Doch, hier kann es auch Normalsterblichen gefallen!

 

Montreux' fast schon tropische Uferpromenade
Montreux’ fast schon tropische Uferpromenade

 

Blick auf die von schöneren und weniger schönen Hotelpalästen dominierte Skyline Montreux'
Blick auf die von schöneren und weniger schönen Hotelpalästen dominierte Skyline Montreux’

 

Stilvoll über den See gleitet das Schaufelrad-Schiff MS Vevey, erbaut 1907!
Stilvoll über den See gleitet das Schaufelrad-Schiff MS Vevey, erbaut 1907!

 

Unweigerlich ereilt jedoch auch das noch so erhaben wirkende Montreux das gleiche Schicksal wie alle anderen Orte auf meiner Reise, seien es nun weltweit bekannte Städte oder idyllische Bauerndörfer: Mit jedem Schritt werden sie etwas kleiner und unbedeutender, bis sie schliesslich ganz mit der Landschaft in meinem Rücken verschmelzen und ich meine Aufmerksamkeit Neuem zuwende. In diesem Fall heisst mein nächstes Objekt der Begierde “Chillon” – das direkt in den See gebaute Schloss ist bereits von weither gut sichtbar. Erbaut worden war es einst, um genau solche Leute wie mich abzufangen: Wanderer auf dem historischen Fernweg von Lausanne in Richtung Wallis und über die Alpenpässe nach Italien, denen man heftige Zollgebühren abknöpfte. Mindestens seit dem Jahr 1005 besteht diese Wasserburg, heute ist sie das meistbesuchte historische Bauwerk der Schweiz.

 

Schloss Chillon (VD) in seiner ganzen Pracht
Schloss Chillon (VD) in seiner ganzen Pracht

 

Seit meinen ersten Schuljahren verbindet mich eine Art Hassliebe mit dieser Burg. Sehnsüchtig fieberte ich einem von meiner Klassenlehrerin beschafften Bastelbogen entgegen, welcher einem erlaubte, das Bauwerk in 3D nachzukonstruieren und so die eigenen – wie auch die historischen – Baukünste triumphal auf dem Bücherregal zur Schau zu stellen. Nur leider demonstrierte mein “Chillon” einzig und allein die engen Limiten meiner eigenen Fingerfertigkeit. Nach zwei Stunden des verzweifelten Faltens und Klebens gab ich damals entnervt auf. Meine Fingerkuppen waren derart verleimt, dass Fingerabdruck-Scanner noch heute ihre liebe Mühe mit mir bekunden, derweil das gebastelte Endprodukt weniger einem erhabenen Schloss glich als einer während eines Kindergeburtstags im Wald zusammengeschusterten, windschiefen Baumhütte.

Auch heute übrigens will Chillon nicht so recht kooperieren: zwar leuchtet die Morgensonne schön seine sehenswerte Ostflanke an (genau so hatte ich mir das fürs Foto vorgestellt), was die zwei Busladungen chinesischer Touristen zu lauten Ahs und Ohs bewegt. Nur leider ist besagte Schokoladenseite in ein wüstes Gerüst eingepackt. Merde! Naja, offenbar bekunden die realen Bauherren mit dem Werk also auch so ihre Mühen – immerhin.

 

Ein Blick zurück auf Chillon
Ein Blick zurück auf Chillon

 

 

Immerhin sind es vom Schloss aus nur noch 30 Minuten bis nach Villeneuve, und als ich bei meiner Ankunft einen gelben Bus mit Walliser Nummernschild vor den Bahnhof gleiten sehe, hüpft mein Herz: endlich wieder zurück in der Postauto-Welt, und das Tor zu den atemberaubenden Bergstrecken des Kantons Wallis steht weit offen!

 

Im Dorfzentrum von Villeneuve, VD
Endlich das nächste Postauto!
Ankunft in Villeneuve, mit Blick auf die zurückgelegte Strecke
Ankunft in Villeneuve, mit Blick auf die zurückgelegte Strecke. Der Blick reicht über das historische Schloss Chillon bis zu den weniger historischen (und weniger eleganten) Bettenburgen von Montreux.

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