4: Delémont – St. Ursanne – Soubey – Saignelégier

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Folgt mir auf abgeschiedenen Wegen durch das Herz des Kantons Jura. Zwar beschert mir das dünnmaschige Postauto-Netz einige anstrengende Wanderungen, dafür werde ich mit sehenswerten Landschaften und dem charakterstarken Mittelalter-Städtchen St. Ursanne belohnt.

4: Delémont – St. Ursanne – Soubey – Saignelégier

 

Fahrt-Logbuch:

Linie Von Nach Bus BJ Halter Zeit KM
16 Delémont, Gare Delémont, Zi Communance A16 Mercedes-Benz O530 Citaro (facelift) 2013 Regie 0:06 2,7
Delémont, Zi Communance A16 Courfaivre, Gare Zu Fuss 0:50 4,4
41 Courfaivre, Gare Glovélier, Gare Mercedes-Benz O530 Citaro LE Ü 2013 Regie 0:14 7,0
Glovélier, Gare St. Ursanne, Poste Zu Fuss 2:07 9,7
62 St. Ursanne, Poste Soubey, Village Mercedes-Benz Sprinter 516 CDI 2010 Froidevaux, Charmoille 0:32 8,5
Soubey, Village Les Pommerats, Village Zu Fuss 1:50 8,5
32 Les Pommerats, Village Saignelégier, Gare Mercedes-Benz O530 LE Ü Citaro 2012 TSPG, Goumois 0:06 3,5

 

 

English Summary:

English Translation - click to view

Today I get up close with Switzerland’s Wild West, the Jura region – a land where rebellious people live, where horses roam free, where villages are sparse and where the famous absinthe has its origins. My first encounter with the Wild West is a barking dog storming towards me from a farm, during my early morning walk from Delémont to Courfaivre. From there I take a quick PostBus ride to Glovélier, where I start another 10km hike to my intermediate destination of St. Ursanne. I imagine it to be a relaxing stroll through a lovely ravine and over some open fields, failing to remember what the Jura region is also known for: Hills, and lots of them. Thus, the relaxing stroll quickly transforms into a steep and demanding 2-hour hike through deserted forests but also lovely countryside. Eventually I reach St. Ursanne: a town that seems like it has just completed its time-travel from the Medieval Ages into the presence earlier today, featuring a complete city wall, watchtowers, a Roman basilica and rows of tightly packed ancient houses. How beautiful!

From here, I take a bumpy ride over yet more hills in one of the smallest members of the PostBus fleet, the Mercedes Sprinter. It takes me all the way to the hamlet of Soubey, another settlement nestled by the side of the river Doubs. The third hike of the day takes me to Les Pommerats, another 8km away – and as you’ve probably guessed by now, this means more hills to climb. But when I finally make it up to the plateau the little village is situated on, I truly enjoy the commanding views!

 

 

Nach einer angenehmen Hotelnacht in Delémont startet der nächste Tag früh. Zuerst steht eine kleine Wanderung an: entlang der Hauptstrasse soll es ins übernächste Dorf gehen, Courfaivre. Der Ortsbus von Delémont wird glücklicherweise von Postauto betrieben, so darf ich auch diesen verwenden. Linie 16 bringt mich ins westlich der Stadt gelegene Industriegebiet, was mir immerhin 2,5 der sieben Kilometer Strecke nach Courfaivre erspart. Merci! Der Rest der Marsches ist aber ziemlich monoton, bis auf ein paar industrielle Lagerhallen gibt’s wenig Eindrückliches zu sehen. Auch der weitere Gang nach Courfaivre ist nicht der Rede wert – bis auf einen kläffwütigen Hund am Dorfeingang, der offenbar bereits wacher ist als ich, und mir urplötzlich mit einem Höllentempo aus einem Bauernhof entgegengerannt kommt. Danke auch, Adrenalin und Blutdruck wären damit auch getestet. Davon beflügelt treffe ich fünf Minuten früher als geplant am Bahnhof Courfaivre ein, zeitgleich mit meinem nächsten Postauto.

 

Zu Fuss nach Courfaivre
Zu Fuss nach Courfaivre
Mein etwas überdimensionierter Bus nach Glovélier
Mein etwas überdimensionierter Bus nach Glovélier

 

Der Bus der Linie 41 fährt ein paarmal täglich der Bahnstrecke entlang nach Glovélier (wieso auch immer, wenn es ja Bahnhöfe und Züge gibt, aber mir soll’s recht sein), und dann irgendwo hin weiter. Das irgendwo hin interessiert mich nicht besonders, denn die fünf Kilometer nach Glovélier sind alles, wofür ich dieses Postauto brauche. Offenbar findet sich aber gerade auch sonst kein Einwohner der Region, für welchen die Linie einen Sinn ergibt, denn ich bin mit dem Buschauffeur alleine. Naja, zumindest bis ein Postauto-Angesteller zusteigt, der scheinbar den Auftrag gefasst hat, zwanzig Fragebögen zur Kundenzufriedenheit an die nicht ganz so zahlreich anwesenden Fahrgäste zu verteilen. Na, da hat er sich aber total die falsche Linie ausgesucht, wie ihn auch der Chauffeur informiert – vor 16, 17 Uhr sei er eigentlich meist alleine im Bus.

Viel zu rasch erreichen wir das Bauerndorf Glovélier, welches sich nur durch seine riesige, auf die Herstellung von Bahnschwellen spezialisierte Sägerei hervortut.

 

Auf der Fahrt nach Glovélier
Auf der Fahrt nach Glovélier
Ankunft in Glovélier - die Hauptstrasse führt gleich direkt durch das Sägewerk
Ankunft in Glovélier – die Hauptstrasse führt praktischerweise gleich direkt durch das Sägewerk

 

Von Glovélier – ein gebrechlicher alter Traktor, der an mir vorbeirattert genügt, damit ich mich melancholisch am vergessenen Ende der Welt wähne – muss ich den Weg wieder zu Fuss fortsetzen. Mein Ziel: die mittelalterliche Stadt St. Ursanne. Das schaute auf Google Maps nach einem angenehmen, stündigen Märschen aus – erst durch ein sicher liebliches Tobel, dann über ein paar Felder und Wiesen und schliesslich dem Flüsschen entlang. Tja, hätte ich in der Schule mal besser aufgepasst – dann hätte ich geahnt, dass das nicht stimmen konnte, und der Jura um einiges hügeliger ist, als einem Google das glauben macht. Wobei nein, an mir lag es nicht: ich glaube, der Jura fand in keiner meiner Geografie-Lektionen Erwähnung. Ohnehin scheint mir der Jura irgendwie ein vergessener Kanton zu sein. Oder wann habt ihr zuletzt etwas von hier in den Nachrichten gehört?

 

Hauptsache Pferd
Hauptsache Pferd
Glovéliers Hauptstrasse
Glovéliers Hauptstrasse
Hier scheint die Zeit stehengeblieben :-)
Hier scheint die Zeit stehengeblieben 🙂

 

Nach dem Durchwandern des Dorfkerns gelange ich schliesslich zu besagter Schlucht. Und da – oh, Überraschung – geht es unverhofft steil bergauf. Ein viel zu später Kontrollblick auf die offizielle Schweizerkarte – die im Gegensatz zu Google Maps Höhenlinien und -Angaben darstellt – bringt schockierende Gewissheit: Über 400 Höhenmeter wird das Gelände steil ansteigen, bevor es anschliessend wieder genauso viele Höhenmeter hinunter in Richtung des Flusses Doubs geht. Damit ist auch mein Plan im Eimer, den seltsam kurvigen Weg hier und dort etwas abzukürzen – ich hatte mich beim Kartenstudium nämlich noch gewundert, wieso diese eigenwilligen Jurassier dem Wanderweg so viele Spitzkehren spendierten. Nun ist der Grund klar: Die Topographie erlaubt schlicht keine gerade Wegführung, und ich werde wohl oder übel die vollen 10 Kilometer zu absolvieren haben. Au weia – diese Etappe wird wohl anstrengender als gedacht!

 

Unter Eisenbahn und Autobahn hindurch beginnt mein Marsch nach St. Ursanne - die haben's gut, die haben Tunnels!
Unter Eisenbahn und Autobahn hindurch beginnt mein Marsch nach St. Ursanne; die kollabierte Reisschüssel am Wegesrand ist der Zuversicht auch nicht gerade zuträglich. Nur die Züge haben’s gut, die haben Tunnels!

 

Nichts desto trotz, ich muss jetzt nach St. Ursanne, und sollte auch besser in zweieinhalb Stunden dort sein – sonst würde sich mein ganzer Tages-Fahrplan in Rauch auflösen. Also erklimme ich besagte steile Schlucht und versuche, ihre Schönheiten trotz dem Ärger über meine eigene Torheit zu würdigen: Links von mir plätschert ein schmales Flüsschen, um mich herum zwitschern die Vögel, und die Baumwipfel wogen behäbig im Wind. Keine Menschenseele ist zu sehen – was für ein Segen! Aber ist es das wirklich? Oder nicht doch ein Fluch? Gibt es im Jura eigentlich Bären? Der Name St. Ursannes leitet sich doch bestimmt vom lateinischen ursus ab, oder nicht? Man weiss ja nie, man hört ja auch darüber nichts im Rest der Schweiz. Doch leider dringen auch keine Swisscom-Signale in die irgendwie immer dunkler werdende Schlucht, und ich kann der Sache nicht auf den Grund gehen. Nachdem ich mich in der letzten Etappe noch über den Dichtestress beklagt hatte, bin ich nun fast etwas zu alleine.

Nach etwa 20 Minuten schnaubenden Bergaufgehens ist das Flüsschen neben mir zu einem schmalen Rinnsal verkommen und verschwindet schliesslich ganz. Ein untrügerisches Zeichen dafür, dass ich doch schon einige Höhenmeter erklommen habe, und der Gipfel nicht mehr allzu weit sein kann. So trete ich aus dem Wald auf eine grosszügige Weide, welche den Rücken dieses Hügelzuges markiert. Von nun an geht es wieder hinunter – leider immer im Wald, sonst hätte einem die mühsam erklommene Anhöhe ja wenigstens eine schöne Aussicht beschert. Der Weg ist nun richtig steil und völlig mit Laub des letzten Herbstes zugedeckt. Keine Ahnung, vor wie vielen Jahren das letzte Mal jemand hier durchgekommen war. Wenn ich hier abstürze, würde mich wohl für zehn Jahre niemand finden – und in den Rest der Schweiz würde die Nachricht schon gar nicht dringen. Also besser aufpassen!

 

Ich sehe dafür diesen Bach :)
Schluchten-Schönheiten 🙂
Oben angekommen
Oben angekommen

 

Eine erste Aussicht auf den Clos du Doubs und das Dorf Epauvillers
Eine erste Aussicht auf den Clos du Doubs und das Dorf Epauvillers

 

Schliesslich spuckt mich der Wald aus und übergibt mich an saftig grünes Weideland. In der Nähe höre ich einen Bauer mit einem Traktor rangieren. Endlich, Zivilisation! Und die heisst auch noch ganz lecker: Montmelon steht auf dem Ortsschild, Melonenberg. Mjam! Etwas erleichtert bin ich also schon. Aber nur solange, bis ich realisiere, dass es in Montmelon nicht etwa von Melonen wimmelt, sondern von Bauernhöfen. Und auf Bauernhöfen gibt’s Hunde, wie dasjenige Exemplar, das mir am Morgen schon Beine machte. Dessen Heimathof hatte immerhin am Dorfrand an der Hauptstrasse gelegen, inmitten eines stetigen Menschenstromes. Was aber ein kaum mit Fremden in Kontakt kommender Bergköter mit mir anstellen würde, will ich mir gar nicht ausmalen. Entsprechend weiche ich immer mal wieder vom vorgegebenen Wanderpfad ab (der ist allerdings so übel ausgeschildert, dass dies auch ohne Vorsatz früher oder später passiert wäre), und humple über Feld und Flur abwärts dem Doubs entgegen.

 

Einer der gefürchteten Bauerhöfe: Schön gelegen, trotzdem lieber weiträumig umgangen
Einer der gefürchteten Bauerhöfe: Schön gelegen, trotzdem lieber weiträumig umgangen
Die Bahn war sicher schneller hier :-)
Die Bahn war sicher schneller hier 🙂

 

Als ich den Fluss Doubs und die ihm entlangführende Strasse dann endlich erreicht habe, macht sich Erleichterung breit. Fortan einiges entspannter unterwegs, kann ich die Wanderung nun richtig geniessen: Ohne Höhenmeter, Wälder, Bauernhöfe und Hunde führt sie dem dahinschlängelnden Fluss entlang bis ins Städtchen St. Ursanne. Auch Handy-Empfang habe ich wieder, und kann so endlich Wikipedia bemühen: St. Ursannes Name ist in der Tat lateinischen Ursprungs, kommt aber von in honorem Sancti Ursicini confessoris – ist also dem heiligen Einsiedler Ursicinus gewidmet, der hier das Zeitliche gesegnet hat, und nicht Meister Petz. Puhh, Glück gehabt! Dachte ich zumindest, denn das ganze ist nur auf den ersten Blick beruhigend: Ursicinus – dessen best-buddy übrigens Gallus war, dessen Vermächtnis wir etwa 50 Episoden später in der Ostschweiz noch sehen werden – lebte nämlich zusammen mit einem Bären in einer Höhle oberhalb des späteren St. Ursannes. Na prost!

 

Endlich am Doubs!
Endlich am Doubs!
Der Doubs vor St. Ursanne

 

Die jursassische Topographie hat nicht nur mich herausgefordert: Bahnviadukt vor St. Ursanne
Die jursassische Topographie hat nicht nur mich herausgefordert: Bahnviadukt vor St. Ursanne.
Bei den wüsten Tunnelportalen im Hintergrund handelt es sich übrigens nicht um Verkehrswege, sondern um das Felslabor Mont Terri, in welchem das dortige Opalinus-Tongestein untersucht wird, da dieses andernorts als Lagerort für radioaktiver Endabfälle ins Auge gefasst worden ist.

 

Als ich St. Ursanne dann nach gut zwei Stunden endlich in Fleisch und Blut Mauer und Mörtel vor mir sehe, stelle ich mit Entzücken fest, dass sich die ganze Plackerei wenigstens gelohnt hat: Seine mittelalterliche Altstadt, eingepfercht zwischen dem Doubs und den Hügelzügen dahinter, wirkt, als sei es soeben einer Zeitmaschine entsprungen. Stadtmauern, Türme, Tore, alles da!

St. Ursanne in der Übersicht
St. Ursanne in der Übersicht

 

 

Die niedliche Chapelle Notre-dame de Lorette heisst mich in St. Ursanne willkommen
Die niedliche Chapelle Notre-dame de Lorette heisst mich in St. Ursanne willkommen
Postkarten-Ansicht von St. Ursanne
Postkarten-Ansicht von St. Ursanne

 

Im Innern zeigt sich St. Ursanne zwar auch noch charmant, aber dass pro Minute fünf Peugeots mit französischen Nummernschildern durch die engen Gässchen brausen, mindert die historische Strahlkraft dann doch etwas. Die charakterstarken Bürgerhäuser entstanden im 12. bis 14. Jahrhundert, als das um ein Benediktiner-Kloster herum errichtete Städtchen sich zu einem kleinen regionalen Zentrum mit ein bis zwei jährlichen Märkten entwickelte. Aufgrund seiner relativen Abgeschiedenheit vermochte St. Ursanne jedoch nie weiter zu wachsen, wodurch auch sein pittoreskes Stadtbild bis heute konserviert wurde. Eine echte kleine Perle!

 

Die schmucke Hauptstrasse von St. Ursanne, JU
Die schmucke Hauptstrasse von St. Ursanne

 

Die im Vergleich zum niedlichen Städtchen riesige romanische Stiftskirche von St. Ursanne
Die im Vergleich zum niedlichen Städtchen riesige romanische Stiftskirche von St. Ursanne

 

Im Coop erstehe ich etwas Brot und Tête de Moine (der kommt aus dieser Region) und mache endlich kurz Pause, während ich auf mein in 20 Minuten fahrendes Postauto warte. Bald ist es soweit: Ein beinahe schon infernales Rattern und Grollen kündigt an, dass da etwas Grosses und Schweres über die Pflastersteine der Hauptgasse dahergerollt kommt. Anders als der pompöse Auftritt vermuten lässt, ist es aber nicht etwa ein schwerer Standardbus, der sich ins Dorfzentrum gequetscht hat (das wäre bei dem kleinen Stadttor auch recht spannend geworden…), sondern ein Duo agiler kleiner Mercedes-Sprinter. Voilà, das Total-Angebot an Postautolinien in St. Ursanne: Eine nach Ocourt und eine nach Soubey.

 

Postauto-Umzug der zwei Mittagskurse durch die Altstadt von St. Ursanne (JU)
Postauto-Umzug durch St. Ursanne – im Hintergrund mein Sprinter nach Soubey

 

Das Büsschen nach Soubey ist das Nächste in meinem Logbuch. Die Strecke wird eigentlich ausschliesslich morgens und abends bedient, nur an einigen Wochentagen gibt es auch noch einen einzigen Mittagskurs: eben meinen. Als die Fahrerin ihren Schwatz mit dem Chauffeur des anderen Kurses beendet hat, kann es mit zwei, drei Minuten Verspätung losgehen. Bald eiern wir mit beträchtlichem Tempo durch den Clos du Doubs, das hügelige und recht abgeschiedene Innere der rund 20 Kilometer langen 180-Grad-Schleife, welche der Grenzfluss zwischen Frankreich und der Schweiz hier beschreibt. Auf dem schmalen Strässchen erklimmen wir Hügel um Hügel, sausen die Höhenlinien rauf und runter, und biegen ein paarmal von der Hauptstrasse in den hintersten und letzten Weiler ab – all dies in der (vergeblichen) Hoffnung auf Passagiere. Nur an einer einzigen Haltestelle steht ein einsamer Wanderer, doch wie sich herausstellt, will dieser nur nach dem Weg fragen. Egal, die Landschaft präsentiert sich sehr abwechslungsreich und eindrücklich, und Spass macht diese wilde Fahrt allemal!

 

Blick auf die nördlichen Doubshänge
Blick auf die nördlichen Doubshänge
Auf verlassenen Strassen geht's nach Soubey; hier erreichen wir nach einer Stichfahrt in den Weiler Épiquerez wieder die Hauptstrasse
Auf verlassenen Strassen geht’s nach Soubey; hier erreichen wir nach einer Stichfahrt in den Weiler Épiquerez wieder die Hauptstrasse

 

Es dauert geschlagene 32 Minuten, bis wir das nur 10 Kilometer Luftline entfernte Soubey erreichen. Auch dieses Dörfchen präsentiert sich ausgesprochen nett. Zwar nicht so altertümlich wie St. Ursanne, dafür strahlt es mit seiner abgeschiedenen Lage inmitten der Hügel, direkt an einem tiefblauen Flüsschen viel Entspanntheit und Ferienstimmung aus.

 

Das idyllische Soubey am Ufer des Doubs (JU)
Das idyllisch gelegene Soubey ist erreicht!

 

Jaaa, hier gefällt es mir und ich würde gerne ein paar Stunden bleiben!
Jaaa, hier gefällt es mir und ich würde gerne ein paar Stunden bleiben!

 

Schade, dass ich weiter muss. Schon wieder steht eine Wanderung an. Ächz! 8,5 Kilometer bis Les Pommerats. Wiederum ein easy hike über Felder und Landstrassen…dachte ich, bis ich diesmal wenigstens VOR dem Losmarschieren auf die Schweizerkarte schaue. Ojeh! Noch einmal gibt es 500 Höhenmeter zu erklimmen, denn das vermaledeite Les Pommerats liegt natürlich auf einem Hochplateu, während ich an einem Nebenarm des Doubs starte – und Flüsse fliessen naturgemäss meistens eher unten im Tal. Ach *deshalb* die ganzen Haarnadelkurven auf dem Wanderweg – ich dachte, die freigeistigen Jurassier hätten die einfach als Ausdruck ihrer Virtuosität installiert. 3h 20min veranschlagt der Wegweiser – ich hatte mit 70 Minuten gerechnet. Na bravo, das wird ja eine Tortour!

So mobilisiere ich also nochmals meine letzten Kräfte, steige steil verlaufende Weiden empor (am Wanderweg befinden sich wieder zu viele Hunde-Reviere Bauernhäuser), und schraube mich dann in einem dichten Wald entlang steiler Wanderweg-Serpentinen in den Himmel empor. Eine ganze Stunde dauert diese Plackerei, begleitet von ein paar Herzstolperern, wenn mich ein Knorren im Geäst aufschreckt und an einen Bär erinnert – oder an Schlimmeres: Vielleicht haben im Jura ja sogar noch Dinosaurier überlebt, und es hat’s bisher einfach noch niemand gemerkt!

Steil geht's hoch - 500 Höhenmeter erklimme ich zwischen Soubey und Les Enfers
Steil geht’s hoch – 500 Höhenmeter erklimme ich zwischen Soubey und Les Enfers
Blick hinunter auf Soubey und dem Tal des unsichtbaren Doubs entlange
Blick hinunter auf Soubey und dem Tal des unsichtbaren Doubs entlang

 

Noch immer keine Spur vom Fluss, aber die Landschaft ist doch recht sehenswert!
Schon sehenswert, welch imposante Landschaft der kleine unschuldige Doubs hier geschaffen hat!

 

Endlich oben angekommen, treffe ich auf die auf dem Hochplateau verlaufende Landstrasse. In die eine Richtung geht’s ins Dörfchen Les Enfers – nein danke. Mit einer Hölle hätte ich es ja noch aufgenommen, aber gleich mehrere? Muss nicht sein. Seinen höllisch guten Namen verdankt Les Enfers der Sage nach einer Begebenheit während der Rodung der jurassischen Freiberge: Da hatten die Pioniere freudig den Wald angezündet, ihre Rechnung aber dummerweise ohne die vorzüglich brennende Torferde gemacht, für welche die Gegend hier bekannt ist. So soll das ganze Gemeindegebiet wochenlang infernalisch gebrannt haben – ein riesiges Spektakel, das nun in diesem Gemeindenamen (und sogar im feurigen Gemeindewappen) fortlebt.

Egal, ich muss ja eh in die andere Richtung. Wenigstens ist es ab hier wirklich nur noch ein Abspulen der verbliebenen 6 Kilometer, mit einer ganz adretten Panorama-Aussicht noch dazu. Immerhin, nun bin ich offiziell in den jurassischen Freibergen angekommen. Freiberge, wie das nur schon klingt! Nach dem Wilden Westen der Schweiz, nach Braveheart, nach kampflustigen Jurassiern auf ihren temperamentvollen Gäulen. Von alledem sehe ich aber gar nichts, ja nicht einmal ein einziges Pferd – das einzig halbswegs wilde, was mir begegnet, ist ein Bauer in einem alten Land Rover.

 

Auf dem Hochplateau angekommen, führt mich dieser aussichtsreiche Weg nach Les Pommerats
Auf dem Hochplateau angekommen, führt mich dieser aussichtsreiche Weg nach Les Pommerats

 

Blick auf die andere Seite des weit unten im Tal verlaufenden Doubs - willkommen in den spärlich besiedelten Freibergen!
Blick auf die andere Seite des weit unten im Tal verlaufenden Doubs – willkommen in den spärlich besiedelten Freibergen!

 

Nach einer Stunde auf dem Hochplateau erreiche ich schliesslich Les Pommerats. Ein – bis auf seine riesige arielweisse Kirche – ziemlich heruntergekommen und verlassen scheinendes Nest, in dem der einzige Mensch, den ich treffe, wie ein Verrückter auf einen grossen Stein eindrischt. Aus welchem Grund auch immer, so genau erschliesst sich mir das nicht. Vielleicht schmiedet er ja ein Braveheart-Schwert? Etwas eigen sind sie ja schon, diese Jurassier. Vielleicht auch besser, dass nicht alles von ihnen bis in den Rest der Schweiz dringt.

Immerhin höre ich mein für heute letztes Postauto pünktlich anrollen, bevor es mich in sechs Minuten Fahrt in den Nachbarort, das regionale Zentrum Seignelégier bringt. Damit kann ich also heute geschlagene 58 Minuten Postauto-Zeit verbuchen, bei 4h 47min Wanderzeit. Ganz so hatte ich mir meine Bus-Reise ja nicht vorgestellt – aber dafür habe ich nun einen intimen Einblick in die Landschaften des Jura erhalten und behalte hoffentlich für den Rest meines Lebens die Erkenntnis im Kopf, dass dieses Gebiet hier verdammt nochmal ausgesprochen hügelig ist. Aber ja: Es ist dabei wenigstens auch durchaus sehenswert.

 

 

Les Pommerats - die schöne Seite
Les Pommerats – die schöne Seite

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