40: Tirano – Stilfserjoch – Umbrail – Val Müstair

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Lesezeit: ca. 8 Minuten

Heute geht’s auf eine Tour der Extreme: Meine längste und weiteste Fahrt der Rundreise bringt mich vom italienischen Tirano übers Stilfserjoch und den Umbrailpass bis nach Santa Maria im Schweizer Val Müstair. Dabei nehmen wir auch Kurs auf die höchste Haltestelle im gesamten Postauto-Netz – auf 2‘757 Metern über Meer!

40: Tirano – Stilfserjoch – Umbrail – Val Müstair

 

 

Fahrt-Logbuch:

Linie Von Nach Bus BJ Halter Zeit KM
821 Tirano, Stazione Santa Maria Val Müstair, Posta Volvo 8700 10,8m 2005 Bus Val Müstair, Lü 2:45 75,9

 

English Summary:

English Translation - click to view

Today we’re taking it to extremes: I’m embarking on my longest and longest-lasting route, which also takes me to the highest stop in the whole PostBus Network: Stelvio Pass at 2757 meters above sea level, or 9000 feet.

The route starts at the train station of the Italian city of Tirano, from where we first head towards the northeast on the Autostrada. After a while we reach Bormio, which isn’t just a wintersports mecca but has also been renowned for its thermal baths ever since the Roman Empire. Another emperor, this time Franz of Austria, then guides us the way up to Stelvio Pass: It was this Austrian regent who projected the winding mountain road which first leads us through a sparsely populated side valley, then up a set of hairpin bends, and finally across a barren high plateau.

After this lengthy drive we finally reach the main attraction of the trip, Stelvio Pass – the second highest mountain pass in Europe and obviously very popular for folks of all surrounding countries. The summit is a beehive of activity, with dozens of food stalls selling local produce from Austria, Italy and Switzerland. Besides plenty of food, Stelvio’s summit also offers gorgeous views of the surrounding mountain ranges and the unique exhilaration of having reached the top of something.

After a thirty minute break the happy passengers unite in the trusty yellow Volvo bus again, which now takes us down via the narrow roads of the Umbrail Pass back into Swiss territory. The driver enthusiastically introduces us to each and every mountain range or summit in sight, their names (in the local Rumantsch dialect, Switzerland’s forth official language) sounding pleasantly melodious and comically entertaining at the same time. Eventually, we reach our destination: The beautiful town of Santa Maria in the charmingly dreamy valley Val Müstair.

 

Willkommen zu einer Etappe der Rekorde! Heute steht der Postauto-Kurs 821 im Fokus, und der hat es in sich: Die Distanz beträgt 76 Kilometer, für Postautos eine halbe Weltreise und auch für mich die weiteste Fahrt des Trips. Mit einer Fahrzeit von 2h 45min dauert die Odyssee auch eine halbe Ewigkeit. Die Rede ist von der Route von Tirano über Stilfserjoch und Umbrailpass ins Val Müstair. Das Stilfserjoch ist der zweithöchste befahrbare Pass in den Alpen (irgend so ein doofer Übergang in Frankreich ist noch läppische 7 Meter höher…), und auch Postauto-intern hält diese Route einen Rekord: Sie bedient mit der auf 2’757 Metern über Meer gelegenen Haltestelle Stilfserjoch die Höchste im gesamten Netz der gelben Busse.

Den Anfang nimmt diese Mammut-Tour am Bahnhof Tirano auf niedlichen 450 Metern über Meer. Leider bin ich etwas spät dran, und erreiche die leicht versteckte Postauto-Haltestelle erst, als der Bernina Express aus St. Moritz bereits eingefahren ist. Wie zu erwarten war, pilgert daher eine ansehnliche Menschenschar ebenfalls dem wartenden gelben Bus entgegen – sie alle machen mit Rhätischer Bahn und Postauto eine Rundreise durch den südöstlichsten Zipfel der Schweiz. Es kommt, wie es kommen muss: Beim Einsteigen bin ich nur die Nummer 3 in der Schlange, was sofort zum Verhängnis wird: Ein älterer Fahrgast (die Nummer 1) hechtet, so gut es die alten Knochen noch erlauben, direkt auf die vorderste Sitzreihe und schnappt mir diese weg. Mist! Dass er gut zwei Drittel der Fahrt durchpennen wird, während ich, der auf schöne Fotos angewiesen ist, mich mit dem eingeschränkten Sichtfeld der zweitvordersten Reihe begnügen muss, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.

 

Das Wahrzeichen Tiranos: Die imposante Wallfahrtskirche Madonna di Tirano aus dem 16. Jahrhundert mit ihrem von weither sichtbaren Turm
Das Wahrzeichen Tiranos: Die imposante Wallfahrtskirche Madonna di Tirano aus dem 16. Jahrhundert mit ihrem von weither sichtbaren Turm

 

Wir verlassen Tirano und biegen sofort auf die italienische Staatsstrasse 38 ein, die als Schnellstrasse vom Comersee bis nach Bozen führt. Natürlich übernimmt das Postauto hier in Italien keine ÖV-Grundversorgung, sondern spielt viel eher den Reisecar. Heisst: Wir brausen in gehörigem Tempo auf der etwas erhöht gebauten SS38 das Veltlin empor, ohne mit den malerischen Dörfchen um uns herum wirklich in Kontakt zu kommen, geschweige denn in den verwinkelten Dorfkernen anzuhalten.

 

Auf der SS38 rauschen wir durchs Veltlin
Auf der SS38 rauschen wir durchs Veltlin

 

Von den pittoresken Rebstock-Terrassen, von denen der Audioguide vorschwärmt, ist leider kaum etwas zu sehen. Die Flanken des Tals sind viel eher von dichten Laubwäldern überwuchert, nur ab und zu thront ein hübsches Dörflein einem Adlerhorst gleich auf einem erhöhten Felssporn. Diese Dörfer haben schon so manchen Besitzerwechsel erlebt, denn das Veltlin war aufgrund seiner strategischen Bedeutung als Verbindung zwischen Osten und Süden lange Zeit heiss begehrt. Gehörte es erst dem Herzogtum Mailand, eroberten es die Bündner im Jahr 1512 und gliederten es ein. Nur einige Jahrzehnte später jedoch rissen sich die Habsburger Mailand unter den Nagel, und waren daher stark am Veltlin als Verbindung zu ihren Gebieten im Tirol interessiert. Gleichzeitig schritt im restlichen Bündnerland die Reformation voran, während das Veltlin katholisch blieb. Die Habsburger sahen ihre Chance, einen Keil zwischen Bündner und Veltliner zu treiben, metzelten kurzerhand die 600 Reformierten im Tal nieder, und erreichten damit, dass das Tal auch weiterhin katholisch blieb – und sich so immer mehr von den Bündner Herren abwandte. Schliesslich begaben sich die aufständischen Veltliner tatsächlich unter spanisch-katholische Herrschaft. Erst als auch die Bündner sich den Habsburgern anschlossen, gaben ihnen die Spanier das Veltlin zurück.

Endgültig war es schliesslich Napoleon, welcher der Schweiz das Veltlin entriss – 1815 sprach er es am Wiener Kongress dem Königreich Lombardei-Venezien zu. Zwar gab es danach immer wieder Bestrebungen, diese Trennung rückgängig zu machen, da Schweizer und Veltliner regen Handel miteinander betrieben und sich auch sonst sehr nahe waren. Doch zum einen wussten dies die Grossmächte rund um Österreich und Italien zu verhindern, um das strategisch wichtige Tal nicht abermals zu verlieren. Andererseits fürchteten die reformierten Bündner den Einfluss dieses grossen katholischen Gebietes – und verfolgten die Wiedereingliederung daher auch nicht mit voller Konsequenz. Etwas, das die Bündner noch lange schmerzen würde.

 

Ravoledo thront hoch über dem Tal
Ravoledo thront hoch über dem Tal
Sondalo mit seiner weitherum sichtbaren Kirche Santa Maria Maggiore
Sondalo mit seiner weitherum sichtbaren Kirche Santa Maria Maggiore

 

So gehört auch die Stadt Bormio, die wir nach einer Dreiviertelstunde und immerhin bereits 800 erklommenen Höhenmetern erreichen, nun halt zu Italien. Was durchaus schade ist, denn der Ort hat viel zu bieten. Neben seinen schönen Skipisten und den berühmten Weltcup-Rennen im Winter ist Bormio vor allem für seine Thermen bekannt. Schon die römischen Aristokraten sind regelmässig in den Ort gepilgert, um sich bei heissem Quellwasser und Alpenpanorama vom anstrengenden Alltag rund um Brot, Spiele und Cäsars Launen zu erholen. Im Mittelalter wurden weitere Quellen entdeckt, und auch sie erfreuten sich grosser Beliebtheit – selbst Leonardo Da Vinci war ein häufiger Gast. Einen abermaligen Schub erhielt Bormios Tourismus schliesslich, als die Passstrassen rund um den in einem Talkessel gelegenen Ort kutschentauglich wurden, und sich auch der Adel aus dem Norden einigermassen bequem in die Bäderstadt chauffieren lassen konnte. Mehrfach renoviert und ausgebaut, sind die Thermalbäder bis heute in Gebrauch.

 

Kurz vor Bormio überqueren wir die Adda
Kurz vor Bormio überqueren wir die Adda

 

Nach dem Passieren von Bormio wird’s dann auch für uns – respektive unseren Chauffeur – zunehmend heiss: Das Veltlin ist zu Ende, nun geht’s über die Berge! Die SS38 verengt sich zu einer kurvenreichen Passstrasse, die sich den Bergflanken eines kaum besiedelten Seitentales entlang in die Höhe schlängelt. Wir fahren dabei auf echt imperialem Untergrund, denn der Bau der Passstrasse erfolgte ab 1820 auf Initiative des österreichischen Kaisers Franz. Höchste Konzentration ist gefordert, um den Bus auf diesem edlen Pflaster sicher nach oben zu lenken, und dabei den in rasendem Tempo entgegenschiessenden Horden Österreichischer Töfffahrer auszuweichen, denen seit der Kaiserzeit offenbar jegliche vornehme Zurückhaltung abhanden gekommen ist. Trotzdem, unser sympathischer Chauffeur vom Typ braungebrannter bündner Bergliebhaber (komplett mit sportlicher Figur, windschnittigem Kurzhaarschnitt und natürlich einer ergonomischen Sport-Sonnenbrille) lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

 

Jetzt wird das Terrain anspruchsvoller - da ducken sich sogar die Strassenschilder weg :-)
Jetzt wird das Terrain anspruchsvoller – da ducken sich sogar die Strassenschilder weg 🙂

 

Ruhig und umsichtig dirigiert er seinen 2005er Volvo 8700 des Postautobetriebs Val Müstair um die Kurven, während er enthusiastisch über ein Headset die vorbeiziehende Landschaft erklärt. Ja, dieser Mann ist in den Bergen zuhause, und es ist ihm eine sichtliche Freude, uns Flachland-Flundern in die Geheimnisse seiner Region einzuweihen. Da er offensichtlich rätoromanischer Muttersprache ist, klingt sein Deutsch zudem derart melodisch, dass seine Erklärungen zu einer Art folkloristischer Alpen-Operette verschmelzen – was Sympathie und Unterhaltungswert ins Unermessliche steigert.

Schliesslich haben wir eine Höhe von rund 1900 Metern erreicht, nun ist auch das Seitental zu Ende und es tut sich eine veritable Wand vor uns auf: Eine Talstufe von 400 Metern gilt es zu überwinden, wofür auch die kaiserlichen Planer auf das probateste Strassenbaumittel zurückgriffen: Einen ordentlichen Satz Haarnadeln.

 

Vor uns: Das Herzstück der Passstrasse
Vor uns: Das Herzstück der Passstrasse

 

 

Nett!
Nett!
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Eindrückliche Landschaften entlang der Passstrasse aufs Stilfserjoch (I)
Eindrückliche Landschaften gibt es hier zu bestaunen

 

 

Kaiserlich unterstützter Zickzackkurs
Kaiserlich unterstützter Zickzackkurs

 

Oben angekommen, präsentiert sich die Landschaft wie ausgewechselt. Wir haben die Baumgrenze unter uns gelassen, hier oben dagegen begrüsst uns eine verlassen wirkende, versteppte Hochebene: hier und dort ein paar zerfallende Steinhäuser, eine einsame Stromleitung, die sich nach oben kämpft, dazwischen viel Nichts. Zum Glück kann ich ein paar grasende Kühe ausmachen, sonst hätte ich mich auf dem Mond gewähnt.

Hier liegt die Passhöhe des 2’500 Meter über Meer gelegenen Umbrail gleich vor uns, links zweigt die Strasse zurück in die Schweiz, ins Val Müstair ab. Doch eben, wir wollen ja erst noch zur höchstgelegenen Postauto-Haltestelle: Also nehmen wir mittels einer letzten Ansammlung Haarnadeln, die scheinbar zufällig in die weite Landschaft gelegt wurden, auch noch die verbleibenden 250 Höhenmeter unter die Räder. Dann ist es geschafft: Wir fahren auf dem grossen Parkplatz des Stilfserjochs vor, der Chauffeur kündigt einen 30-minütigen Halt an.

 

Oben angekommen, und plötzlich sieht alles ganz anders aus!
Oben angekommen, und plötzlich sieht alles ganz anders aus!

 

Viel Platz bleibt für unseren Bus nicht!
Viel Platz bleibt für unseren Bus nicht!
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Fast geschafft: Diese Haarnadeln führen uns aufs Stilfserjoch - am rechten Bildrand ist die Passhöhe des Umbrails sichtbar
Fast geschafft: Diese Haarnadeln führen uns aufs Stilfserjoch – am rechten Bildrand ist die Passhöhe des Umbrails sichtbar

 

Sofort merke ich, wieso dieser Pass auch den Übernamen des höchsten Rummelplatzes Europas trägt: Diverse Motorradgruppen fallen wie infernalisch summende Heuschreckenschwärme über die Bergidylle her, Autos und Cars mit allen möglichen Länder-Kennzeichen drängen auf den Parkplatz – darunter auch drei Busse des slowenischen Skiteams, dessen Athleten sich offenbar auf den hiesigen Gletscherpisten auf die kommende Saison vorbereiten. Eine breite Schar an Händlern macht sich diesen monströsen Touristenstrom zunutze, und hat sich mit ihren fahrbaren Brutzelbuden zu einer Art alpiner Fressmeile vereinigt, die so manches Dorffest in den Schatten stellt. Durch diese hohle Gasse muss er kommen, der Tourist mit dem locker sitzenden Geldbeutel – und Höhenluft macht ja bekanntlich hungrig. Natürlich bin auch ich vor diesen Gelüsten nicht gefeit, und kann mich dem internationalen Flair des Essensangebots hier nicht erwehren. Ich kaufe einem italienischen Händler ein Stück matschige Pizza ab, und erstehe bei einem fesch gekleideten und etwas überdrehten Tiroler Burschen nebenan eine überteuerte Bauernbratwurst. Damit habe ich als Schweizer meine Schuldigkeit getan, und mein Geld fair unter den angrenzenden EU-Staaten verteilt.

 

Rast bei der höchsten Haltestelle im Postauto-Netz: Dem Stilfserjoch auf 2'757 Metern über Meer
Der höchste Punkt meiner gesamten Reise ist erreicht! Was der Mann mit der Hantel genau hier oben sucht und weshalb er nicht so parkieren kann, wie alle andern, entzieht sich meiner Kenntnis 🙂

 

Das Völkerverbindende hat hier oben System und wird mit einigem Pathos verfolgt – nicht umsonst wurde ein unbedeutender Nebengipfel gleich hier ums Eck hochtrabend zur Dreisprachenspitze erklärt. Diese mit viel Eifer vorangetriebene Völkerverbindung steht derweil in starkem Kontrast zur Vergangenheit: Im ersten Weltkrieg befand sich das Stilfserjoch mitten auf der Frontlinie zwischen Italien und Österreich-Ungarn, und war von beiden Kriegsparteien heiss begehrt – als strategisch wichtiger Pass und auch ganz einfach als Statussymbol. Diese Zankerei lockte natürlich auch die Schweizer hier hoch, im Bestreben, ihre eigene Landesgrenze vor Kollateralschäden zu bewahren. Im Endeffekt mühten sich also die Soldaten dreier Nationen in die Passregion hoch (darunter, wegen einem Mangel an Kämpfern, zahlreiche minderjährige österreichische Buben sowie unzählige Reservisten aus dem ungarischen Flachland, die noch nie Schnee gesehen hatten), gruben fleissig geheime Tunnels durchs Gletschereis, buddelten mühevoll Minenkanäle in den frostgehärteten Boden, und schleppten bis zur Erschöpfung schwere Geschütze auf Schlitten in die Höhe – und all dies nur, um sich in dieser unwirklichen Landschaft monatelang bis an die Zähne bewaffnet gegenüber zu stehen und sich argwöhnisch gegenseitig zu beobachten. Einen wirklichen Angriff oder gar Gebiets-Eroberungen gab es nämlich keine. Und so waren es im Endeffekt vor allem Kälte, Schnee und Lawinen, welche die Soldaten dahinrafften – auf allen drei Seiten. Die Natur ist halt immer noch stärker.

 

Berge bestaunen - Blick aufs Ortlermassiv...
Berge bestaunen – Blick aufs Ortlermassiv…

 

Mit dem Postauto zum Gletscher - so guet!
Mit dem Postauto zum Gletscher – so guet!
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Die Ostseite des Stilfserjochs ist nochmals ein ganz anderes Kaliber!
Die Ostseite des Stilfserjochs ist nochmals ein ganz anderes Kaliber, doch leider nicht Teil des Postauto-Fahrplans!

 

 

Nach 30 Minuten ist die Pause in der alpinen Völkerverständigungszone gut genährt überstanden und die Passagiere taumeln gezeichnet von der Höhenluft zurück zum Postauto. Nur unser Bergführer Chauffeur ist voll im Saft und kommt sportlich dahergejoggt – wahrscheinlich hat er in der Zwischenzeit noch kurz die Dreisprachenspitze erklommen.

Jetzt, da wir Kurs auf den Umbrail und damit auf seine Heimat nehmen, dreht er erst richtig auf. Während wir uns auf der beängstigend schmalen Passstrasse talwärts vortasten und uns langsam dem Val Müstair annähern, bekommen wir im Stile von sprachlichen Maschinengewehr-Salven eine Einführung in die lokale Geografie.

 

Blick zurück zum Stilfserjoch mit seinen Ski-Anlagen
Blick zurück zum Stilfserjoch mit seinen Ski-Anlagen

 

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Am Umbrail-Pass

 

Jetzt geht's den Umbrail hinab - und der überzeugt auch mit gewundener Strassenführung und vielen neckischen Kürvlein
Jetzt geht’s den Umbrail hinab – der überzeugt auch mit gewundener Strassenführung und vielen neckischen Kürvlein

 

Offenbar soll die Passstrasse nur für Fahrzeuge bis 10 Meter Länge konzipiert sein – unser Volvo hat also theoretisch 80 Zentimeter Überlänge. Doch unseren routinierten Chauffeur kümmert das kaum. Nebst der fahrerischen Glanzleistung schmeisst er übers Mikrofon virtuos mit den melodiösen rätoromanischen Bezeichnungen einjeder Alp oder Bergspitze im Sichtfeld umher, was sich für Unbedarfte anhört wie das Intensiv-Training auf die internationale Buchstabier-Olympiade für zungenbrecherische Konsonantengruppen oder eine nicht enden wollende Batterie im Comicstil vertonter Ohrfeigen: Das “ch“, das quasi in jedem Namen vorkommt, wird nämlich als “tsch” ausgesprochen – man wird also irgendwie dauerhaft abgewatscht.

Als dann irgendwann die ganze Piz-, Alp- und Dorfparade von Champatsch, Changlatsch, Chavrinadas, Chavalatsch, Chasatschas, Chalchera, Chalderas, Chamutschöl, über Plaunatschs, Plattatschas, Tabladatsch bis Vallatscha abgearbeitet ist, fährt unser passionierter Reiseleiter stattdessen mit Besonderheiten aus den Münstertaler Dorfchroniken fort, oder versüsst uns die Reisezeit mit spannenden Schmugglergeschichten. Mit welcher Leidenschaft der seinen Job erledigt, obwohl wir bestimmt schon seine fünfzigste Touristenfuhre allein in diesem Sommer sind, verdient echt Anerkennung. Kompliment an Bus Val Müstair GmbH aus Lü, die Betreiberin dieses Postautos!

 

Aha, hier wächst wieder was!
Aha, hier wächst wieder was!
Die letzten Kehren noch, dann ist das Val Müstair erreicht
Die letzten Kehren noch, dann ist das Val Müstair erreicht

 

Schliesslich, bis zum Bersten vollgepumpt mit schlagkräftigen Ortsnamen und saftigen Dorfstories, nähern wir uns unserem Ziel: dem gütigerweise einfacher auszusprechenden aber nicht weniger melodischen Santa Maria Val Müstair. Der Grossteil der Reisenden hüpft hier sofort aufs talauswärts fahrende Postauto, welches bereits auf uns wartet. Ich dagegen lasse mir Zeit, und werde mich in der nächsten Episode noch etwas intensiver mit diesem fast schon entferntesten aller Schweizer Täler auseinandersetzen. Und wenn hier alle so drauf sind wie der passionierte Markenbotschafter am Volvo-Steuerrad, dann wird das eine ganz fantschavalatastische Sache!

 

Echt hübsch, der Dorfkern von Santa Maria
Echt hübsch, der Dorfkern von Santa Maria

 

 

Schmuck sieht's hier aus!
Schmuck sieht’s hier aus!
Die Fassaden tragen hier teils üppiges Sgraffito
Die Fassaden tragen hier teils üppiges Sgraffito

4 Responses

  1. Ruth
    | Reply

    Diese schöne Reise ist interessant und humorvoll beschrieben. Leicht zu lesen. Tolle Fotos. Echt
    gluschtig, diese Fahrt auch zu machen. Danke! Muss die anderen Berichte auch lesen.
    Gruss,

    • Tis
      | Reply

      Vielen herzlichen Dank für den lieben Kommentar, das freut mich sehr! Ich hoffe, die anderen Berichte gefallen ebenso 🙂

  2. Hans Burri-Lang
    | Reply

    die schönen fotos wecken in mir erinnerungen an ausflüge und ferien in der herrlichen schweiz! mit bald 90 jahren ist es nicht
    mehr möglich noch weit zu reisen. darum vielen dank für die möglichkeit in gedanken mitzufahren. liebe grüsse hans

    • Tis
      | Reply

      Vielen herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich sehr, dass meine Beiträge schöne Erinnerungen wecken, das ist ein grosses Kompliment! Ich hoffe, Sie geniessen die weitere (virtuelle) Reise!

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