56: Marthalen – Andelfingen – Winterthur

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Die heutige Etappe ist wieder eine der Kontraste: Nach einem Rundgang durchs pittoreske Dörfchen Marthalen im Zürcher Weinland bringen mich die Postautos in die Grossstadt Winterthur, wo ich unter anderem die eindrücklichen baulichen Zeitzeugen ihrer Glanzjahre als Industrie-Metropole besuche.   

56: Marthalen – Andelfingen – Winterthur

 

 

Fahrt-Logbuch:

Linie Von Nach Bus BJ Halter Zeit KM
621 Marthalen, Bahnhof Ossingen, Bahnhof MAN NL323 / A21 (Lion’s City) 2012 Rapold, Rheinau 0:16 8,0
605 Ossingen, Bahnhof Andelfingen, Bahnhof MAN NÜ323 / A20 (Lion’s City Ü) 2009 Richter, Ossingen 0:11 5,0
Andelfingen, Bahnhof Humlikon, Im Gern Zu Fuss 0:30 3,0
675 Humlikon, Im Gern Henggart, Bahnhof MAN NG363 / A23 Lion’s City G 2014 Motrag, Flaach 0:03 1,7
676 Henggart, Bahnhof Winterthur, Hauptbahnhof MAN NG363 / A23 Lion’s City G 2014 Motrag, Flaach 0:25 12,0

 

 

English Summary:

English Translation - click to view

Today’s episode starts with a pleasant walk through the picturesque village of Marthalen, which features an abundance of houses in the local timber frame style that is second to none. Together with the plentiful floral decoration by its obviously pretty proud inhabitants, this definitely makes Marthalen a welcome little gem along my route.

From Marthalen, a couple of busses take me south to the regional center of Andelfingen – a medieval trading post that gained some importance thanks to its location at a bridge over the river Thur. As there are no further bus routes from Andelfingen, I’m forced to embark on my second-last hike of the tour – a quick 30-minute undertaking leading me through some rather dull farmland.

In the tiny village of Humlikon (which doesn’t seem to have the best of karmas, as once 43 of its inhabitants were killed in a plane crash) the next PostBus picks me up: My first articulated vehicle for a looooong time (the last one was in the region of Sion) takes me to the city of Winterthur.

Poor old Winterthur, which is constantly dwarfed by the well reputed city of Zurich that is just a stone’s throw away, is actually Switzerland’s sixth-largest metropolis. While it may often be overlooked today, in its heyday Winterthur was the industrial motor of the whole country, being the home of the giant Sulzer Group that employed over 33’000 people. As the company eventually started struggling and finally collapsed however, the city of Winterthur almost went down with it.

Ever since, Winterthur is seemingly trying to pick itself up, diversify and find other means to shine again. And while the cultural and educational sector are indeed booming, the remnants of its former glory are standing like a memorial right next to the city center: Walking through the extensive former Sulzer compound with its slowly decaying industrial buildings sure exudes an eerie charm.

 

Nach meinen Ausflügen zu den touristischen Perlen des Kantons Schaffhausen geht’s nun definitiv mit dem Kanton Zürich weiter. Meine Rundtour hat mich ja am Ende wieder ins Dörfchen Marthalen geführt, und dieses hat den Ruf, eine der sehenswertesten Ortschaften im Kanton zu sein. Am Dorfplatz bin ich denn auch umzingelt von einem ganzen Bataillon an Fachwerkhäusern, deren leuchtend hellrote Balken in einem teils regelmässigen, teils wirren Muster angeordnet sind und mich in ihrer Fülle fast schon etwas konfus machen. Wohin man auch schaut, es wimmelt von geraden, schrägen und gekurvten roten Linien, und man wähnt sich fast etwas in einem Labyrinth.

 

Das wunderschöne Marthalen (ZH) mit seinen prächtigen Fachwerkshäusern
Bauernhaus im Mitteldorf

 

Das wunderschöne Marthalen (ZH) mit seinen prächtigen Fachwerkshäusern
Die Schmiedstube (1559) mit dem Ochsenbrunnen stand früher an der wichtigsten Kreuzung im Dorf; kein Wunder, schliesslich hauste hier bei seinen Besuchen der Abt des Klosters Rheinau

 

Prächtig ist es hier!
Prächtig ist es hier!

 

Natürlich ist es aber wunderschön, dass dieser fürs Zürcher Unterland so typische Baustil hier in dieser Fülle erhalten geblieben ist. Wieso das genau so ist, konnte ich nicht herausfinden. Sicher ist, dass die Bauern des Städtchens unter der Obhut des nahen Klosters Rheinau ziemlich prosperierten; sie lebten gut vom Weinbau aber auch von der Landwirtschaft, ja sie verfügten seit dem 17. Jahrhundert gar über ein ausgeklügeltes Kanalnetz zur Bewässerung ihrer Felder. Dieser relative Reichtum bildete wohl die Grundlage für den Bau der vielen stattlichen Bauern- und Mehrzweckhäuser. Und dass Marthalen lange abseits der grossen Verkehrswege von Strasse und Schiene lag half, dass in den folgenden Jahrhunderten wenig Industrie im Dorf Fuss fasste und die alten Gebäude nicht aus wirtschaftlichen Gründen abgerissen und ersetzt wurden.
So erlaubt ein Spaziergang durch Marthalen, diese faszinierende Bauweise zu erleben und genauer zu studieren.

 

Der Untere Hirschen, ein Barockbau aus dem Jahr 1715, erbaut eine Doppelnutzung als Trinkstube (unten) und Wohnhaus (oben). Heute beherbergt er die Gemeindeverwaltung
Der Untere Hirschen, ein Barockbau aus dem Jahr 1715, erbaut für eine Doppelnutzung als Trinkstube (unten) und Wohnhaus (oben). Heute beherbergt er die Gemeindeverwaltung

 

Nanu, hier fehlt doch was?! :)
Nanu, hier fehlt doch was?! 🙂

 

Auch Wohnhäuser in der zweiten Reihe erstrahlen im Fachwerk-Baustil
Auch Wohnhäuser in der zweiten Reihe erstrahlen im Fachwerk-Baustil

 

 

Bewundernswert ist zudem auch, mit welcher Hingabe die Bewohner ihre einzigartigen Häuser pflegen, mit Gärten versehen oder mit prächtigen Blumen schmücken. Ein gewisser Stolz auf das eigene Dorfbild ist definitiv spürbar. So gibt es natürlich auch eine Infotafel, die mich aufklärt, welche Materialien zum Bau der Häuser verwendet wurden. Die Holzbalken, welche das Grundgerüst bilden, wurden mit Ochsenblutplasma bestrichen, welches mit Kalk, Erdfarben und zwecks Wetterfestigkeit mit Eisenoxyd gemischt wurde. Die leuchtend rote Farbe stammt denn auch nicht vom Ochsenblut, sondern eben vom oxydierenden Eisen, und ist letztlich eine Trendfarbe. Auch in grau oder grün gibt’s die Riegelhäuser, doch im Barock gelang dem poppigen Rot der Durchbruch. In dieser Region zumindest; in anderen Teilen der Schweiz präferiert man andere Farb-Varianten. Genauso begann man im Barock und Rokoko auch kunstvoll mit dem Balkendesign zu spielen, weshalb die Fachwerkbauten aus dieser Epoche nicht einfach gradlinig gestaltet sind, sondern mit ornamentartigen Strukturen brillieren. Zwischen die Balken pappte man dann unten in Bodennähe Bollensteine, in den höheren Abschnitten ein Flechtwerk aus Haselruten, welches mit Moränenlehm verstrichen wurde. Und zack war das Fachwerkhaus fertig!

 

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Nun, da ich auch das sehenswerte Marthalen auf den Speicherchip meiner Kamera gebannt habe, ist es Zeit, weiterzuziehen. Von Marthalen selbst komme ich nicht direkt weiter: Alle möglichen Routen habe ich bereits in der letzten Etappe abgeklappert, und sie sind zwar schön, aber für mein Vorhaben wenig zielführend. Also fahre ich mit dem MAN-Bus von Restaurant-Besitzer Rapold zurück nach Ossingen, wo ich wieder auf die Hauptlinie Stammheim-Andelfingen treffe. Auf dieser lasse ich mich von Postauto-Halter Richters einzigem Linienbus, dem MAN A20 Lion’s City Ü mit der Nummer ZH 163’486, südwärts nach Andelfingen bringen.

 

Auf nach Ossingen!
Auf nach Ossingen!
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Noch einmal die Schönheiten des Züricher Weinlandes geniessen...
Noch einmal die Schönheiten des Züricher Weinlandes geniessen…
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Es dauert nur zwei oder drei Minuten, bis wir nach der Abfahrt in Ossingen die Gemeindegrenze von Andelfingen erreichen. Dann befahren wir behutsam die hölzerne Thurbrücke, einen zweijochigen Bau aus dem Jahr 1814, und treten ins Dorf ein. Die Brücke ersetzte damals ein Konstrukt aus dem 17. Jahrhundert, welchem wiederum bereits eine erste Brücke aus dem Jahr 1320 vorausging. Diese war für Andelfingen auch zentral. Schliesslich wurde der Brückenort so zu einem logischen Rastpunkt entlang der Handelsrouten von Nord nach Süd, und zu einer Kreuzung insbesondere der Wege Schaffhausen-Winterthur und Stein am Rhein-Zürich. Gerade letzterer war von besonderer Bedeutung, um die einflussreiche Stadt Zürich mit Salz und Getreide aus dem Bodenseegebiet zu versorgen. Andelfingen freute sich über all die Zolleinnahmen, während rund um diesen altertümlichen Rastplatz Tavernen, Gasthöfe und Schmieden wie Pilze aus dem Boden schossen. Schliesslich wurde Andelfingen gar zum Sitz eines Landvogts, für welchen auch ein Schloss gebaut wurde – dieses thront bis heute an erhöhter Lage.

 

Mitten durch die Fachwerkbauten von Kleinandelfingen führt Kurs 605 nach Stammheim (ZH)
Mitten durch die Fachwerkbauten von Kleinandelfingen führt die Route, gut bewacht vom Schloss.

 

Der Ursprung von Andelfingens Aufstieg: Die Brücke über die Thur
Der Ursprung von Andelfingens Aufstieg: Die Brücke über die Thur

 

Das Postauto erreicht Andelfingen (ZH), über welchem das Schloss thront
Das Postauto erreicht Andelfingen, über welchem das Schloss thront

 

Im Zentrum von Andelfingen unterwegs
Im Zentrum von Andelfingen, zu Füssen des mächtigen neugotischen Kirchturms von 1862
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Genau in Richtung Schloss empor kurvt nun auch mein Postauto, doch wir fahren noch etwas höher und halten erst beim Bahnhof. Hier endet die Postauto-Route und alle Insassen strömen auf die zwei Bahnsteige. Alle? Nein, ich natürlich nicht. Für mich sind Züge ja tabu! Leider sieht’s mit den Postautos aber auch düster aus. Ab Andelfingen gibt es bloss noch einen Kurs nach Seuzach, aber von dort käme ich dann auch nicht mehr weiter. Also ist Fussarbeit angesagt – zum zweitletzten Mal. Ich muss ins Nest Humlikon wandern, welches 3 Kilometer entfernt liegt. Bitter dabei: Das Wetter hat inzwischen rasch zugezogen, eine graue Wolkendecke schirmt die Sonne ab und lässt mich frösteln. Noch viel bitterer: In gut zwei Monaten, mit dem Fahrplanwechsel, gäbe es neu eine Postautoverbindung auf dieser Strecke und die Wanderarbeit bliebe mir erspart – gerademal 3 Minuten braucht der Bus dann. Google Maps rechnet für meinen Fussmarsch mit deren 30. Aber es hilft alles nix, also los!

 

Wanderpfad durch die Rebberge ob Andelfingen
Wanderpfad durch die Rebberge ob Andelfingen

 

Die Wanderroute passt zur leicht angesäuerten Stimmung. Zwar führt sie etwas erhöht von Andelfingen weg auf die umliegenden Felder und würde so einen ganz passablen Rundumblick erlauben. Aber an diesem düsteren Nachmittag macht selbst dieser keinen Spass. Die zahlreichen Felder, die ich passiere, sind auch keine Hilfe – mangels Sonne und Schatten langweilen sie mich mit ihren monotonen Schattierungen zwischen Grün und Grau schon nach wenigen Minuten und deprimieren mich nur umso mehr. Endzeitstimmung hier im Nirgendwo, so nahe vor meinem Ziel. Die einzige Abwechslung bietet eine vorbeirauschende S-Bahn-Komposition (die hat’s gut!), doch auch die ist nach wenigen Sekunden wieder hinter dem nächsten grüngrauen Feld verschwunden.

 

Weinland-Monotonie mit Blick auf mein Ziel: Humlikon
Weinland-Monotonie mit Blick auf mein Ziel: Humlikon
Mein einziger Wegbegleiter :)
Mein einziger Wegbegleiter 🙂

 

Offensichtlich wirkt sich die bescheidene Motivation auch auf mein Lauftempo aus, denn ich bin irgendwie hinter meinen Wanderzeitplan gerutscht – es scheint fast, als würde ich an diesen vermaledeiten Feldern hier festkleben. Und das ist gar nicht gut, denn mein Timing, um in Humlikon das Postauto zu erwischen, ist ziemlich ambitiös. Darauf, den Bus zu verpassen und danach eine Stunde in diesem Nest schlotternd herumzustehen und mich möglicherweise zu Tode zu langweilen, habe ich aber auch keine Lust. Umso mehr, als auch Humlikons Karma recht düster zu sein scheint. Die ersten Medieneinträge, wenn man Humlikon googelt, berichten nämlich von einem Flugzeugabsturz, bei welchem 43 an eine Messe reisende Einwohner (ein Fünftel der Dorfbevölkerung) ums Leben kamen, sowie von einem schweizweit bekannten flüchtigen Straftäter, welcher hier seine Kindheit verbrachte und wohl von einem Zeckenbiss auf die schiefe Bahn katapultiert wurde (Sachen gibt’s!). Weder das eine noch das andere klingt sonderlich attraktiv, und so will ich hier nicht mehr Zeit verbringen als nötig – sonst stecke ich mich noch an! Also wähle ich das kleinere Übel, nehme meine Beine in die Hand und lege den letzten Kilometer im Sprint zurück.

 

Humlikon ist erreicht - juhuu!
Humlikon ist erreicht – juhuu!

 

Keuchend erreiche ich schliesslich die fiesermassen auf einer Anhöhe liegende Haltestelle «Im Gern», die eigentlich eher «unter der einsamen windgepeitschten Linde» heissen müsste. Ich hoffe inständig, dass das Postauto noch nicht abgefahren ist, sondern jetzt dann gleich um die Ecke biegt. Und tatsächlich! Kaum je habe ich mich so gefreut, einen profanen MAN-Bus zu sehen!

 

Einsame Haltestelle...
Einsame Haltestelle…
...doch der Bus kommt tatsächlich!
…doch der Bus kommt tatsächlich!

 

Ganz so profan ist der Bus aber gar nicht, denn es ist mein erster Gelenkbus seit….hui, da muss ich sehr tief im Archiv kramen! Fahrt Nr. 64 in Etappe 13 war es (nun bin ich bei Fahrt Nr. 224 angelangt), von Chamoson nach Sion. Verdammt lange her! Betrieben wird der fast neue 18 Meter lange Koloss von der Motrag AG aus Flaach. Was im Jahr 1964 als Einmann-Betrieb mit der Startstrecke Rafz-Flaach-Humlikon (!)-Andelfingen begonnen hatte (aaaaha, damals hätte ich nicht wandern müssen!), ist heute in dritter Generation ein ziemlich bedeutsamer Postautobetrieb, dessen 15 Busse jährlich 1,6 Millionen Kilometer zurücklegen und jährlich ebenso viele Fahrgäste transportieren. In der betriebseigenen Garage repariert die Motrag AG zudem alle Zürcher Postautos und hat sich auf die Elektronik spezialisiert, baut also von Kassen über Ampelsteuerungen bis zu Leitsystemen, Fahrgast-Bildschirmen und W-LAN so etwa alles ein, was das Postauto von Welt heutzutage halt so braucht.

 

Einblick in die Motrag-Tätigkeitsfelder. Bilder: www.motrag.ch

 

Den Weg nach Henggart findet mein Chauffeur allerdings auch ohne jeden technischen Firlefanz, schliesslich liegt das Nachbardorf, wo dieser Kurs bereits wieder endet, nur zwei Kilometer entfernt. Lustigerweise kiebitzt sogar die Sonne wieder zwischen den Wolken hervor, sobald wir den Einflussbereich von Humlikons negativem Karma hinter uns gelassen haben. Und während ich mich schon frage, wo wohl in Henggart das nächste Postauto steht und ob ich noch einen Platz in der Frontreihe kriege, eilt mir das Motrag-System prompt zu Hilfe. Auf dem Info-Bildschirm poppt die Meldung auf: «Endstation. Dieses Fahrzeug verkehrt danach als Linie 676 nach Winterthur Hauptbahnhof». Perfekt, so soll das sein! Bestens informiert kann ich also entspannt sitzenbleiben, während sich der gesamte Rest der Mitreisenden auf den Perron des Henggarter Bahnhofs ergiesst und durch eine Zugladung neuer Pendler ersetzt wird.

 

Im schönen Abendlicht nach Winterthur
Im schönen Abendlicht nach Winterthur
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Die Weiterfahrt führt kurz durch ein Wäldchen, dann über weitere wenig attraktive Felder, durch die Ortschaft Hettlingen und schliesslich in Winterthurs nördliche Aussenquartiere. Bald schon bahnen wir uns, erst an Schrebergärten, dann an Einkaufszentren und Wohnblöcken vorbei, den Weg durch den dichten Abendverkehr in Richtung Bahnhof. Dort dürfen wir nicht unter der kunstvoll-kühnen Stahl-Aluminium-Glaskonstruktion halten, welche den Bushof überdacht und bereits als Winterthurs neues kleines Wahrzeichen gefeiert wird. Nein, dieser Platz ist den roten Stadtbussen vorbehalten. Wir im gelben Aussenseiter hingegen werden an den Strassenrand verdrängt.

Sei’s drum. Aus Winterthur wurde ich ohnehin noch nie richtig schlau. Nennt sich gross Eulachstadt, hat das ohnehin schon magere Flüsslein aber in einen engen dunklen Kanal gepfercht und quasi aus dem Stadtbild verbannt. Hat eine Milliarde Schulden und steht kurz vor dem Bankrott, leistet sich aber extravagante öffentliche Gebäude und eine opulente Jubiläumsfeier. Und fiebert euphorisch auf den hunderttausendsten Einwohner hin (endlich ist man nach Schweizer Massstäben offiziell eine Grossstadt!), während man gleichzeitig das unabwendbare Extraloch moniert, welches Wachstums-abhängige Investitionen in die ohnehin arg gebeutelte Stadtkasse reissen.

 

Der "Pilz" am Bahnhof Winterthur: Leider kein Revier des Postautos
Der “Pilz” am Bahnhof Winterthur: Leider kein Revier des Postautos

 

Die platzartige Steinberggasse, eine der schöneren in Winterthurs Altstadt. Rund um den Fischmädchenbrunnen glänzt eine bunte spätgotische Häuserzeile
Die platzartige Steinberggasse, eine der schöneren in Winterthurs Altstadt. Rund um den Fischmädchenbrunnen glänzt eine bunte spätgotische Häuserzeile

 

Aber wahrscheinlich muss sich das arme Winterthur auch erst selbst wieder finden. Zum einen steht es stets im Schatten des grossen, glanzvollen Zürichs und wird von vielen als bloss eine weitere der vielen Agglomerations-Gemeinden wahrgenommen – vergessend, dass es sich dabei um die sechstgrösste Stadt der Schweiz handelt (grösser als Luzern, St. Gallen oder Lugano). Zum anderen liegt Winterthurs Verwirrung wohl auch in seiner Geschichte begründet: Die einstige Arbeiterstadt war nämlich über ein Jahrhundert lang das Zentrum der Schweizer Schwerindustrie. Der hier ansässige Maschinenbau-Konzern Sulzer war in seinen Glanzjahren ein Unternehmen von Weltruhm, beschäftigte 33’000 Mitarbeiter und bewirtschaftete ein Areal, welches grösser war als die Winterthurer Altstadt. Bis dann irgendwann der grosse Zusammenbruch der Firma kam.

Und wie das mit den Klumpenrisiken halt so ist: Beim Zerfall des Industrieriesen erlebte Winterthur sein blaues Wunder und stürzte selbst fast mit in den Abgrund. Seit den 80er-Jahren ist die Stadt daher damit beschäftigt, sich von diesem Schock zu erholen, wieder aufzurappeln und neue Perspektiven zu schaffen. Langsam spriessen in den leerstehenden Industriehallen wieder Clubs, Kulturbetriebe und junge Unternehmen, und die einst ihrer Existenz beraubten Arbeiter finden wieder Jobs.

 

Industrielle Zeitzeugen auf Winterthurs Sulzer-Areal
Industrielle Zeitzeugen auf Winterthurs Sulzer-Areal

 

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Beim Gang durchs Sulzer-Areal, das in Teilen noch so intakt aussieht, als wäre die Belegschaft mitten in der Schicht überstürzt vor einer Atombombe geflohen, fesselt mich der Kontrast zwischen den einst stolzen, nun zerfallenden Industriebauten und dem neuen Leben, das darin keimt (und der Kontrast zum beschaulichen, bunten Marthalen am Beginn dieser Etappe). Während ich ehrfürchtig durch die alten Backsteingemäuer wandle und durch zerbrochene Fensterscheiben in die verstaubten, riesigen Hallen hineinblicke, surren im Minutentakt bärtige Hipster auf ihren durchdesignten Elektrovelos vorbei, die von einem lässig über die Schultern geschwungenen Fjällräven-Rucksack oder Jutebeutel begleitet zwischen veganem Supermarkt, Gym, Brockenhaus und Szeneclub hin- und herzupendeln scheinen. Dieses Moment versucht die endlich aufblühende Stadt zu nutzen und sich neu als hippe und dynamische Bildungs- und Technologiemetropole mit starkem kulturellen Engagement zu profilieren. Ob’s klappt? Die Zukunft dieses Stehaufmännchens unter den Schweizer Metropolen wird gewiss interessant!

 

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Die ehemalige Grossgiesserei wird nun frech als Parkhaus verwendet...
Die ehemalige Grossgiesserei wird nun frech als Parkhaus verwendet…

 

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